universitas | novembre 2014

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OCTOBRE 2014 I 01 LE MAGAZINE DE L’UNIVERSITÉ DE FRIBOURG, SUISSE I DAS MAGAZIN DER UNIVERSITÄT FREIBURG, SCHWEIZ universitas
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Ce magazine trimestriel et bilingue est la vitrine scientifique de l’Université de Fribourg (Suisse).

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  • OCTOBRE 2014 I 01 LE MAGAZINE DE LUNIVERSIT DE FRIBOURG, SUISSE I DAS MAGAZIN DER UNIVERSITT FREIBURG, SCHWEIZ

    universitas

    DemokratieDouces illusions

  • UNIVERSITAS / OKTOBER 2014 3

    Une super-hrone, la dmocratie? A lheure du 30e anniversaire de lInstitut du fdralisme, nous avons voulu inviter nos auteurs sinterroger sur pour paraphraser Churchill et en clin dil nos contributeurs, qui ont russi viter la rfrence explicite tout au long de leurs articles le moins mauvais de tous les systmes. Loin de nous lide den tirer un bilan, plutt den clairer des facettes, den lire les origines, du lointain Orient en passant par la Grce, den discuter les fondements et les principes, den interroger quelques failles et den imaginer les prochains dfis. Parce qu lheure o la Chine connat un essor sans prcdent et o sautoproclame le nouvel Etat islamique, force est de constater que les valeurs dmocratiques, que nous aurions voulu universelles, nont pas (encore) conquis le monde Alors, o est-ce que le bt blesse? Simplement dans lamalgame si vrai et si faux entre dmocratie et capitalisme? Ou dans cette arrogance de lOccident vouloir livrer ses formules du bonheur politique comme une pizza la recette mondialise? La dmocratie, pourtant, ne peut avoir le mme got partout. Pour en trouver le sel, il faut en relire les ingrdients de base; il faut rassimiler ses valeurs et la manire dont elles doivent tre mises en uvre. Superman a sa kryptonite; la dmocratie doit apprendre de ses faiblesses, sous peine de glisser sur la peau de banane de sa propre suffisance. Elle doit duquer ses citoyens, leur apprendre la participation, la chance du dbat dmocratique. Elle doit, parfois, oser se retourner et constater les dgts, prendre son pouls et sexaminer en toute transparence. Voil ce quont voulu montrer non seulement nos contributeurs, mais aussi notre illustrateur, Juan Morard, avec ses hros du jour, Monsieur et Madame Super Democracy. Leur nom fleure bon la culture amricaine, ils ont les dents blanches et le sourire fier Ont-ils bien conscience quils nont pas fini den dcoudre? Tout de mme, au-del de toute ironie, si, comme le veulent ltymologie et la formule dAbraham Lincoln, la dmocratie est le gouvernement du peuple, par le peuple, pour le peuple, alors, les super-hros, cest vous, cest chacun de nous, lorsque nous accomplissons notre devoir dmocratique, lorsque nous nous exprimons et lorsque nous participons. Bonne lecture, chres superwomen et chers supermen!

    Au nom de la rdactionFarida Khali

    Edito Inhalt

    7 dossier > Demokratie

    4 fokus Forschung muss Spass machen, Besuch am AMI

    64 recherche Lintgration scolaire nest pas un handicap

    66 forschung Fit im Schlaf

    68 recherche Le pass du prsent

    70 portrait Urs Gredig, SRF-Korrespondent in London

    72 lectures

    74 newsIllustrations du dossier et couverture: Juan Morard, [email protected]

  • 4 UNIVERSITAS / OCTOBRE 2014

    Forschung muss Spass machenViel Licht und Luft: Das neue Heim des Adolphe Merkle Instituts lsst Raum fr Ideen und Synergien. Ein idealer Auftakt in den Forschungsschwerpunkt Bioins-pirierte Materialien. Auf Besuch an der Direktionssitzung des AMI. Claudia Brlhart

    Im September ist das AMI von Marly in die Stadt Freiburg gezogen. Nebst der Beleg- und Gertschaft hat in den Gebuden der ehemaligen Klinik Garcia auch eine neue Art der Zusammenarbeit Einzug gehalten. Wie muss man sich das vorstellen?Christoph Weder: Verglichen mit den Rumlichkeiten in Marly befinden wir uns in den neuen Gebuden alle nher beiein-ander. Dieser Aspekt wurde verstrkt durch eine transparente Innenarchitektur: Die meisten Tren, sofern es berhaupt welche hat, sind aus Glas. Ausserdem gibt es meh-rere sogenannte Interaktivzonen, eine Art Inseln, die zum gegenseitigen auch sponta-nen Austausch einladen sollen. Das Motto lautet ganz klar: Mehr Dialog, mehr Zusam-menarbeit, mehr Synergien.

    Nebst der vllig neuen und anders konzi-pierten Raumaufteilung und -gestaltung birgt auch der Standort beim Botani-schen Garten im Prolles-Quartier ganz neue Mglichkeiten. Marc Pauchard: Absolut! Wir sind jetzt viel nher an der Universitt zu der wir ja geh-ren. Dies vereinfacht vieles. Wir knnen nun auch mal jemanden zu einer Sitzung oder zu einem Kaffee einladen, sind besser ver-knpft mit den universitren Diensten. Ullrich Steiner: Deutlich erleichtert wird auch die Zusammenarbeit mit den Depar-tementen der Biologie, Physik und Chemie. Einmal quer durch den Botanischen Garten und man ist da!

    Ullrich Steiner, Sie sagten krzlich, gute Forschung msse Spass machen. Das klingt nicht nach Forschen im stillen Kmmerlein...US: Das will ich doch hoffen (lacht). Jeden-

    falls fr die Experimentalwissenschaftler trifft das Bild des verschrobenen, vor sich hinbrtenden Forschers nicht zu. Wir gehen immer wieder mal raus und unternehmen was zusammen. Der Gruppengeist und das gegenseitige Vertrauen sind ganz wichtig, man muss schliesslich gerne zusammen arbeiten, um gute Ideen zu haben. Die Wis-senschaftler mssen neugierig sein, Ideen einbringen. Dazu braucht es die richtige Umgebung.

    Vor rund zwei Monaten ist der Nationale Forschungsschwerpunkt fr Bioinspi-rierte Materialien angelaufen, der unter der Leitung von Prof. Weder steht. Was kommt mit diesem 12 Jahre dauernden und 12 Millionen schweren Forschungs-abenteuer auf Sie zu? MP: Man darf nicht vergessen, dass bereits der Aufwand fr die Bewerbung um den For-schungsschwerpunkt enorm war. Entspre-chend wird die zeitliche Investition nicht bei Null beginnen. Hinzu kommt, dass die-ser NFS ja nun eigentlich den Rahmen bildet fr Forschung, die das AMI und die Fakultt sowieso machen wollten. Nun haben wir die Mglichkeit, dies auf Top-Niveau und mit Top-Partnern zu tun. Der NFS bringt also auch Erleichterung.CW: Derzeit arbeiten an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultt der Uni-versitt Freiburg, inklusive AMI, etwa 12 Forschende an diesem Projekt. Aber bereits in der ersten Phase, das heisst bis zum Ende dieses Jahres, werden wir ein Team aus rund 25 Wissenschaftlern aufbauen. Hinzu kom-men ein Management-Team, ein Support-Team und eine Koordinatorin wir stehen also nicht alleine vor dieser grossen Heraus-forderung.

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  • 5UNIVERSITAS / OKTOBER 2014

    Der Forschungsschwerpunkt dreht sich um Materialien, deren Entwicklung auf der Inspiration durch die Natur basiert. Was darf ich mir darunter vorstellen?CW: Die Natur hat ber die Jahre hinweg interessante Konzepte entwickelt, um be-stimmte Funktionen mit bestimmten Ma-terialien auszufhren. Wir Forschenden setzen uns also mit der Frage auseinander, wie und was wir von der Natur lernen kn-nen und versuchen die Erkenntnisse in knstliche Materialen zu bertragen. Barbara Rothen-Rutishauser: Im Bereich der Biologie nehmen wir beispielsweise ein Virus zum Vorbild. Wir versuchen, ei-nen synthetischen Nanopartikel herzu-stellen, der ber dieselben Eigenschaften verfgt wie das Virus und so ebenfalls in eine Zelle eindringen kann, aber natr-lich ohne diese krank zu machen, sondern vielmehr, um eine Krankheit zu bekmp-fen. Zusammen mit meiner Kollegin Frau Prof. Alke Fink und Prof. Curzio Regg, dem stellvertretenden Direktor des For-schungsschwerpunkts, hatten wir die Idee, ein Amplifikationssystem, wie es in der Natur bei der Blutgerinnung vorkommt,

    anzuwenden, um einzelne Tumorzellen im Blut nachweisen zu knnen, was bisher nicht mglich ist. US: Die Natur kann sehr starke Farben er-zeugen mit ganz einfachen Materialien, zum Beispiel nur mit Zellulose, die bei uns zur Papierherstellung verwendet wird und weiss ist. In der Natur gibt es aber Effekte, wo sich die Zellulose in den Materialien an-ders anordnet und dort zum Beispiel Grn oder Blau erzeugt. Wir ordnen die Zellu-lose also ebenfalls anders an und erhalten so diese starken Farben. Diese Erkenntnis kann gerade auch in der Nahrungsmittel-industrie sehr ntzlich sein, da Zellulose viel weniger giftig ist als viele Pigmente.

    Im Zusammenhang mit der Erforschung dieser bioinspirierten Materialien ist die Rede von einem Paradigmenwechsel. CW: Es ist das erste Mal, dass der Entwick-lung solcher Materialien ein Forschungs-schwerpunkt des Nationalfonds gewidmet wird, womit sich natrlich ganz andere Mglichkeiten auftun als im Rahmen eines krzer laufenden und finanziell bescheide-neren Projekts.

    Einmaliges KompetenzzentrumDas Adolphe Merkle Institut (AMI) wurde 2008 als unabhngiges, zur Universitt Freiburg gehrendes Institut gegrndet. Es verdankt seine Existenz Dr. Adolphe Merkle ( 2012), einem erfolgreichen Freiburger Unternehmer, der die Adolphe Merkle Stiftung mit einem Startkapital von 100 Millionen Franken ins Leben gerufen hatte. Das AMI konzentriert seine Forschung und Lehre auf den Bereich der weichen Nanomaterialien und gehrt weltweit zu den fhrenden Institutionen auf diesem Gebiet. Das Institut umfasst aktuell rund 60 Forschende, die in sechs Forschungsteams aufgeteilt sind. Im September 2014 zog das AMI von Marly in die Stadt Freiburg.

    www.am-institute.ch

    Sie leiten die Geschicke des AMI (v.l.n.r.): Christoph Weder, Direktor und Prof. fr Polymerchemie und Materialien; Marc Pauchard, Vizedirektor; Barbara Rothen-Rutishauser, Prof. fr BioNanomaterialien, Ullrich Steiner, Prof. fr Physik der weichen Materie; Nico Bruns, Prof. fr Makromolekulare Chemie. Abwesend: Alke Fink, Prof. fr BioNanomaterialien und Marco Lattuada, Prof. fr Physikalische Chemie von Nanomaterialien.

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  • 6 UNIVERSITAS / OCTOBRE 2014

    MP: Ausserdem bildet die Erforschung die-ses Bereichs einen Gegenpol zu jener Bewe-gung, die das Ziel hat, Intelligenz ins Leben zu bringen, mit Sensoren, Computern oder auch Steuerungen. Die Architektur mit den sogenannten Smart Buildings, in welchen alles ber Sensoren und Computer gesteuert wird, ist ein schnes Beispiel dafr. Als Kon-trast dazu wrde in einem bioinspirierten Gebude eine Fensterscheibe etwa auf die Wrme der Sonne reagieren und sich ver-dunkeln gnzlich autonom und ohne den Einsatz von Steuerungen oder Computern.Nico Bruns: Autonom finde ich sehr pas-send als Begriff. Autonome Materialien er-lauben es, makroskopisch, mikroskopisch oder auch nanoskopisch Gegenstnde zu erzeugen, die eine adaptive Funktion erfl-len, ohne dass man eine Steuerung dafr braucht.

    In der Grundlagenforschung spricht man vielfach nicht so gerne von konkreten Anwendungen. Am AMI scheint dies aber durchaus mglich. CW: Die Verbindung von Grundlagenfor-schung und anwendungsorientierter Zu-sammenarbeit mit der Industrie war ein ausdrcklicher Wunsch von Adolphe Merk-le. Unsere Forschungsbereiche eignen sich auch sehr gut dafr. MP: Ein Beispiel dafr ist eine Publikation von Christoph Weder, die vor zwei Jahren erschienen ist. In der Pressemitteilung ver-wendeten wir das Beispiel des Autolacks, der sich selber heilt. Am nchsten Tag erhielten wir bereits die ersten Bestellungsanfragen fr diesen Autolack. Aber wir stellen ja kei-nen Autolack her! CW: Trotzdem hat das Beispiel geholfen, die Industrie fr unsere Forschung zu interes-sieren und auch weiterzutreiben. Wir haben das Resultat zwischenzeitlich noch verbes-sert und diese letzte Materialgeneration hat nun durchaus das Potential, den Sprung in die Industrie zu schaffen. Ich muss aber betonen: Wir machen am AMI keine Pro-duktentwicklung, sondern erforschen die Grundlagen weicher Materialien.

    Woher stammt eigentlich der Begriff Soft Matter weiche Materialien?US: Frher gab es in den Naturwissenschaf-ten nur die Festkrper und die Flssigkeiten. Ausgeklammert wurden jene Materialien, die dazwischenliegen. Dazu gehren bei-spielsweise alle Gummiarten. Diese grosse Palette an Materialien wurde nach und nach zu den weichen Materialien.CW: Als das AMI gegrndet wurde, ent-schloss man sich, den Forschungsfokus auf die weichen Materialien zu legen. Einerseits war in diesem Bereich noch eine Nische zu besetzen, andererseits konnte man so auf bereits vorhandene Kompetenzen und Er-fahrungen aufbauen.

    Als Krnung oder sagen wir als logische Konsequenz wird das AMI ab Herbst 2015 neu einen spezialisierten Master fr wei-che Materialien anbieten. US: Im Herbst 2015 sollten die ersten Stu-dierenden den Master mit dem Arbeitsti-tel Chemistry, physics and biology of soft materials in Angriff nehmen knnen. Der Master soll die Forschung reflektieren, die wir am Institut machen. Wir wollen jene Grundlagen vermitteln, die wir von unseren Doktorierenden auch erwarten.

    Dem AMI steht nach dem Umzug nun noch eine organisatorische Herausforderung be-vor: Der Tag der offenen Tr am 29. Novem-ber 2014. Was steht auf dem Programm?MP: Allem voran geht es uns darum, die neu-en Gebude der ffentlichkeit vorzustellen. Dabei haben die interessierten Besuche-rinnen und Besucher sowohl die Mglich-keit, alleine auf Entdeckungsreise zu gehen oder aber an einem gefhrten Rundgang teilzunehmen. Geplant sind ausserdem ver-schiedene Demonstrationen in den Labors, einschliesslich eines Kinderlabors, das den Eltern die Mglichkeit gibt, den Nachwuchs abzugeben und alleine beispielsweise an einem Rundgang teilzunehmen, einem Vortrag zu lauschen oder das Nano-Kino zu besuchen. Natrlich wird auch fr das leib-liche Wohl gesorgt sein. Ein grosses Fest! n

    Nationaler ForschungsschwerpunktIm Dezember 2013 erhielt die Universitt Freiburg den Zuschlag des Nationalen Forschungsschwerpunkts (NFS) Bio-Inspired Stimuli-Responsive Materials. Kernthema ist es, sich von Beobachtungen in der Natur fr die Entwicklung neuartiger knstlicher Materialien inspirieren zu lassen. Der NFS soll unter der Leitung von Professor Christoph Weder, Direktor des Adolphe Merkle Instituts (AMI), 14 Forschungsgruppen vereinen. Neben mehreren Forschungsgruppen des AMI wirken von der Universitt Freiburg auch Forschende der Departemente Chemie, Medizin und Physik mit. Des Weiteren sind fhrende Forschungsgruppen der Universitt Genf, der ETH Zrich und der ETH Lausanne eingebunden. Der NFS wird vom Bund mit 12 Millionen Franken untersttzt und luft ber 12 Jahre.

    www.bioinspired-materials.ch

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  • Demokratie 8 Fderalismus in Reinkultur Claudia Brlhart

    12 Autokratie vs. Demokratie: Wer ist Goliath? Nicolas Hayoz

    14 La dmocratie, une invention des Grecs... Marcel Pirart

    16 Was macht eine Demokratie aus? Bernhard Waldmann

    19 Les trois talons dAchille de la dmocratie suisse Gilbert Casasus

    21 Demokratisierung durch ff entliche Bildung Beat Bertschy

    24 Demokratie in der (Wirtschafts-)Krise Sebastian Schief, Ivo Staub

    26 LEglise catholique, une dmocratie? Franois-Xavier Amherdt

    28 Christ und Brger im demokratischen Staat Barbara Hallensleben

    31 Immigration: un plaidoyer pour linclusion Johan Rochel

    34 Demokratie will gepfl egt sein Eva Maria Belser

    36 Freundschaft, Gemeinschaft, Volksherrschaft Hans Joachim Schmidt

    38 Des juges au-dessus de la dmocratie? Alain Zysset

    41 Kam Demokratie aus dem Nahen Osten? Florian Lippke

    43 Dilemma der direkten Demokratie Mariano Delgado

    46 Afrique subsaharienne: quelle bonne solution? Thierry Madis

    48 Zwischen Volkssouvernitt und Verfassungsstaat Nina Massger

    50 Pour une ducation scientifi que citoyenne Marie-Pierre Chevron, Frdric Ribouet, Chantal Wicky

    53 Die anarchistische Sichtweise Florian Eitel

    56 Peut-on apprendre la dmocratie? Nicole Awais

    58 Mehrsprachige Demokratie: Konfl ikt oder Chance? Catherine Buchmller

    61 Inde: l'veil civique de la classe moyenne Philippe Neyroud

  • 8 UNIVERSITAS / OCTOBRE 2014

    Fderalismus in ReinkulturDer Fderalismus gehrt zur Schweiz wie das Matterhorn. Er hlt zusammen, was zusammengehren will und trennt, was nicht zusammengehren muss. Ein Ge-sprch mit Peter Hnni, dem Direktor des Instituts fr Fderalismus. Claudia Brlhart

    Peter Hnni, das Institut fr Fderalismus wurde vor 30 Jahren nicht an der Universi-tt gegrndet, sondern bernommen. Die ch Stiftung fr eidgenssische Zusam-menarbeit hat das damals in Riehen ansssi-ge Institut fr Fderalismus zur bernahme ausgeschrieben. Fr die Glaubwrdigkeit des Instituts war eine Anbindung an eine wissenschaftliche Institution im damaligen Kontext wohl berlebensnotwendig. Die Uni Freiburg hat schliesslich das Rennen ge-macht, auch dank der Zweisprachigkeit.

    Arbeitet das Institut heute im Auftrag des Bundes?Nicht direkt. Gemss Vertrag mit der ch Stif-tung, die ja das Sekretariat der Konferenz der Kantonsregierungen (KdK) fhrt, bilden die Kantone zusammen mit der Universitt die Trgerschaft. Wir haben ein permanentes Mandat zur Beobachtung der Entwicklung des Fderalismus in der Schweiz. Fr die internationalen Aufgaben und Mandate ar-beiten wir seit Jahren mit der Direktion fr Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) zusammen. Wir unterbreiten der DEZA jhr-lich eine Auswahl an Dienstleistungen, die wir bereitstellen knnen. Darunter auch fixe Termine wie die Sommeruniversitt.

    Worin besteht das Interesse der DEZA an der Sommeruniversitt des Instituts?Wir haben jeweils eine grosse Anzahl an Teilnehmenden aus Schwerpunktlndern der DEZA. So beispielsweise aus Nepal, Su-dan, thiopien, Somalia, Eritrea oder auch Indien. Die DEZA hat also ein Interesse, dass Personen, die aus diesen Lndern kommen, sich hier weiterbilden und das gewonnene Wissen nach Hause tragen. In erster Line sind es junge Akademikerinnen und Akade-

    miker, die bei uns lernen, wie es mglich ist, ein Staatsgebilde nach den Grundstzen der sogenannten Good Governance zu fhren; sie erhalten eine Schulung in Bereichen wie Demokratie, Dezentralisierung oder auch Konfliktbewltigung. Die Mehrzahl der Kon-flikte in diesen Schwerpunktlndern grn-det in Problemen durch Verschiedenheiten und Minderheiten, seien diese sprachlicher, ethnischer, religiser oder auch konomi-scher Natur.

    Verschiedene Lnder, verschiedene Proble-me... Dafr gibt es doch kein Patentrezept. Nein, aber es gibt Muster, die sich oft hn-lich sind. Nehmen wir als Beispiel Wahlen: Sofern sie berhaupt akzeptiert werden und regelkonform durchgefhrt wurden, stellt sich sptestens mit dem Resultat das Prob-lem, dass die Wahlsieger nach dem Prinzip the winner takes it all reagieren. In der Schweiz funktionieren wir nicht so. Es geht darum, diese Muster zu erkennen, die vielen Lndern gemeinsam sind und ihnen die da-mit verbundenen Probleme zu erklren.

    Lsst sich denn diese Winner-takes-it-all-Mentalitt mit Fderalismus abfedern?Es gilt, den hufig ausgeprgten Zentralis-mus etwas einzuschrnken, halt eben zu de-zentralisieren, lokalen Gebietskrperschaf-ten Aufgaben zur eigenverantwortlichen Lsung zu bertragen, kurz: power sharing. Vielen Teilnehmenden der Sommeruni ist es ein Rtsel, wie die Schweiz es schafft, mit verschiedenen Sprachen und Religionen ein solch ausgeprgtes fderalistisches System zu pflegen. Wir knnen keine Weltprobleme lsen, soviel ist klar. Aber wer sich fr unser Modell und unsere Erfahrung interessiert, dem greifen wir gerne unter die Arme.

    dossier

    LInstitut du fdralisme fte ses 30 ansLa Facult de droit a repris lInstitut du fdralisme de la Fondation ch (Fondation pour la collaboration confdrale) en 1984. Sous la direc-tion du Professeur Thomas Fleiner, lInstitut installe un bureau dans la section juridique de la bibliothque, puis, un peu plus tard, dans un espace un plus grand, derrire la chapelle de lUniversit Misricorde, o peut galement tre installe la bibliothque de lInstitut. Pour des questions de place, lInstitut du fdralisme dmnage aux Portes-de-Fribourg, Granges-Paccot, fin 1990. En 2008, le Professeur Peter Hnni en reprend la direction avec la Professeure Eva Maria Belser et le Professeur Bernhard Waldmann. Pour son trentime anniversaire, il revient au centre-ville de Fribourg, au mois de juin 2014. Avec les Chaires de droit public et de droit administratif, lInstitut du fdra-lisme compte aujourdhui une tren-taine de collaborateurs.

    www.unifr.ch/ius/federalism

  • 9UNIVERSITAS / OKTOBER 2014

    Das Institut knnte jhrlich auch zwei Sommerunis durchfhren, so gross ist das Interesse. Weshalb tun Sie dies nicht?Stimmt, wir knnten den Sommerkurs wohl auch verdoppeln. Damit bestnde aber die Gefahr, dass es zu einer Massenabfertigung wird und das wollen wir natrlich nicht. Un-ser Bestreben ist es, einen persnlichen Zu-gang zu den Teilnehmenden zu finden.

    Das Institut macht gelegentlich auch per-snliche Beratungen. Ein politisch heikles Unterfangen in der neutralen Schweiz?Wir bitten die Interessierten jeweils, uns ihr Problem zu schildern und legen Ihnen dann unsere verfassungsrechtlich, histo-risch, konomisch oder auch politologisch nicht politisch! motivierten Lsungsan-stze vor. Politberatung machen wir keine. Die Gefahr der Instrumentalisierung ist zu gross, zu schnell heisst es dann Die Schweiz hat gesagt.... Wir sind kompetent fr verfas-sungsrechtliche, fderalistische Fragen, wie beispielsweise die Verteilung der Steuerein-nahmen. Nebst der Schulung und Beratung pflegen wir zudem auch den akademischen Austausch, d.h. wir haben immer Gastfor-schende bei uns. Und hoffen natrlich, dass diese Bereitstellung von Wissen oder auch von unserer umfangreichen Bibliothek eine Art Multiplikatoreneffekt haben kann.

    Die internationale Arbeit hat stark zuge-nommen. Anfnglich hat sich das Institut ja vor allem mit dem Schweizer Fderalis-mus befasst.Die Auseinandersetzung, Dokumentation, und Beobachtung des Schweizer Fderalis-mus waren die ursprnglichen Kernaufga-ben und sie gehren auch heute noch dazu. Wir haben das ganze kantonale Recht bei uns in der Bibliothek gelagert, 26 Gesetzes-sammlungen. Wir kennen deren Entwick-lungen und Vernderungen. Auch beobach-ten wir, ob der Bund tendenziell an Gewicht im Sinne von Macht zulegt oder abnimmt. Je nachdem wird politisch reagiert. Wir lie-fern die Fakten, die Kantone machen Politik daraus. Ausserdem betreiben wir im Bereich der Staatsorganisation, der Demokratie und der Menschenrechte Grundlagenforschung.

    Was sagen Sie zu den Tendenzen, die An-zahl der Schweizer Kantone zu reduzieren?Die Schweizer Bevlkerung zeigt nur sehr wenig Bereitschaft, die bestehenden Auf-teilungen und Grenzen zu verschieben. Seit 1848 gab es genau eine Vernderung: Die Grndung des Kantons Jura. Alle anderen Versuche sind gescheitert.

    Sind Herr und Frau Schweizer also ihren Territorien mehr verbunden, als man sich den Anschein gibt? Zweifellos. Man spricht zwar von Globalisie-rung, berholten Grenzen und neuen Met-ropolitanregionen; man weiss, dass Zrichs Wirtschaftskraft ausstrahlt bis nach Schaff-hausen, Aarau, Frauenfeld oder auch Bern. Aber auf die Frage nach neuen Regionen und Gebilden ist die Antwort klar: Nein.

    Wrde eine Reduktion der Kantone denn berhaupt Sinn machen? Liessen sich da-mit Kosten sparen?Was die Kosten angeht, so muss man aufpas-sen. Man hat dies bei den Gemeindefusionen gesehen: brigens eine weitere interessante Ebene des Fderalismus, die in den letzten Jahren massive Vernderungen erfahren hat. Von 3000 haben sich die Schweizer Gemein-den auf gut 2000 reduziert. Diese Entwick-lung knnte eventuell den Boden bereiten fr eine Gebietsvernderung auf Kantons-ebene. Aber zurck zur Frage: An keiner Fusi-onsversammlung wird noch mit geringeren Kosten geworben. Die Erfahrung hat gezeigt, dass keine Kosten gespart werden. ber Sinn oder Unsinn einer Kantonsreduktion lsst sich diskutieren; das letzte Wort haben ja so-wieso die Stimmberechtigten.

    Und diskutieren knnen die Schweizer ja gut. Ein Teil der Geheimrezeptur?Wir wissen, dass die Schweiz nur funktio-niert, wenn wir gewisse Bereiche gemein-sam regeln also zusammen sprechen und dafr viel Spielraum erlangen auf unteren Ebenen. Wir sind ja kein Zentralstaat, der

    Peter Hnni ist Direktor des Instituts fr Fderalismus und Inhaber des Lehrstuhls fr Staats- und Verwaltungsrecht [email protected]

    Wir sind kein Zentralstaat, der sich dezentralisiert hat, so Institutsdirektor Peter Hnni zum Erfolg des Schweizer Fderalismus.

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    sich dezentralisiert hat. Die Kantone waren vor dem Bund da. Das macht einen grossen Unterschied! Die Schweizer Bevlkerung ist zudem sehr kompromissfhig.

    Welche Rolle spielt der Umstand, dass die Schweiz eine Willensnation ist?Einer der Grnde, dass die Schweiz ber-haupt existiert, ist ganz klar, dass wir exis-tieren wollten und wollen. Anders wre das Land gar nicht zustande gekommen. Neh-men wir das Tessin oder auch Genf: Keiner der beiden Kantone mchte zu Italien res-pektive Frankreich gehren und dort unter-gehen. Die Vorteile in der Schweiz berwie-gen ganz klar, von der Kompromisskultur ber das Subsidiarittsprinzip bis hin zur Autonomie der Kantone und Gemeinden.

    Man knnte sagen, der Fderalismus ist der Schweiz auf den Leib geschneidert...Unsere Bottom-up-Struktur, die Kompro-misskultur oder auch die Willensnation sind Elemente, die sich nicht einfach ex-portieren lassen. Daneben gibt es aber auch andere, gut funktionierende Nationen, die mehr oder weniger ausgeprgte fderalisti-sche Strukturen haben, wie beispielsweise Deutschland. Spanien ist offiziell zentralis-tisch, funktioniert aber ziemlich fderalis-tisch. Selbst klar zentralistische Staaten wie Frankreich mssen sich mit der Dezentra-lisierung auseinandersetzen. Die Bretagne will sich abspalten, Korsika, das Elsass... alle wollen mehr Autonomie auf lokaler Ebene. Jngstes Beispiel ist die Abstimmung in England, deren Resultat mit 45 Prozent Ja-Stimmen Bnde spricht und wohl einiges ins Rollen bringen wird.

    Die allgemeine Tendenz liegt in der Dezen-tralisierung, in der Schweiz aber lsst sich eher ein Trend in Richtung Zentralisie-rung erkennen. Woher kommt das?Wenn Sie die Verfassungsentwicklung an-schauen, dann sehen Sie, dass tatschlich immer wieder neue Zustndigkeiten dem Bund zugeordnet wurden. Vergleichen Sie 1848 und die letzte Totalrevision 1999, wird dies deutlich. Das ist aber nicht abnormal und durchaus verstndlich.

    Sind Reformen wie etwa HarmoS auch als zentralistischer Ansatz zu verstehen?HarmoS ist ein interkantonales Schulkon-kordat, das ja eine Harmonisierung des Schulwesens bewirken soll, sozusagen Ver-einheitlichung ohne Zentralisierung. Das Modell muss sich indes den Vorwurf anh-ren, nicht sehr demokratisch zu sein. Wenn

    die Kompetenzen in den Kantonen liegen, dann sollen diese nicht weiterverschoben werden an eine Stelle zwischen den Kanto-nen und dem Bund. Fderalismus und Demokratie sind also nicht immer ein Dreamteam?Manche werfen dem Fderalismus vor, er frdere die Unterschiedlichkeit zu Lasten der Gleichheit. Und Gleichheit ist ein demo-kratisches Prinzip. Appenzell IR und Appen-zell AR zum Beispiel haben zusammen rund 100'000 Einwohner und je einen Stnderat. Zrich hat 1,2 Mio. Einwohner und ebenfalls zwei Stnderte. Darin liegt klar ein Wider-spruch gegen das demokratische Gleich-heitsprinzip One man, one vote. Ist dies demokratisch?

    Braucht der Fderalismus zwingend eine demokratische Regierungsform? Eine verordnete Fderalisierung funktio-niert wohl tatschlich nicht. Aber man darf sich dies nicht zu mechanistisch vorstellen. Nehmen wir China: Die Macht der Zentrale reicht gar nicht bis in den hintersten Winkel. Die Mongolei ist ja nicht Peking. Auch die Ein-Kind-Politik hat sich ja nicht durchset-zen lassen. Ergo entstehen automatisch ge-wisse dezentrale Ausprgungen.

    Ein fderalistisches China klingt aber doch eher utopisch.Fderalismus heisst eben nicht zwingend auch Demokratie. Die Chinesen sind am F-deralismus sehr interessiert. Aber eher aus einer Art Machterhaltungsperspektive her-aus, d.h. mit dem Gedanken, damit gewisse Widerstnde und lokale Probleme zu lsen, ohne ihre Macht zu gefhrden.

    Darf man die Menschenrechte im Aus-tausch mit China offen diskutieren?Wir pflegen mehrere sehr gute Partnerschaf-ten mit China. Am Anfang waren die Men-schenrechte tatschlich eine Art Tabu. Man konnte ber alles sprechen, bloss nicht ber Menschenrechte das haben wir akzeptiert. Mit der Zeit hat sich die Lage entspannt und auf informeller Ebene sind Menschenrechte durchaus auch ein Gesprchsthema. Halb-offiziell, d.h. im akademischen Rahmen, ist es heute mglich, kritische usserungen zu machen. Tatsache aber bleibt: Die Entwick-lung des Menschenrechtsschutzes in China verluft nicht linear, es gibt auch Rckschl-ge, wie z.B. die Verhaftung des uigurischen Menschrechtlers Ilham Tohti oder auch der Versuch, die Wahlen in Hongkong von Pe-king aus zu steuern. n

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  • 12 UNIVERSITAS / OCTOBRE 2014

    dossier

    O sont les super-hros de la dmocratie?La dmocratie na plus le vent en poupe: en comptant uniquement les dmocraties compltes, cest--dire de droit libral, on arrive seulement 25 pays dans le monde. Le fait est que de nombreuses autocraties refusent de se laisser dmocratiser. Mme avant la crise financire, certaines dmocraties tablies montraient souvent une image de systmes incapables de se diriger ou de se rformer et que les peuples abordaient avec dfiance. A cela sajoute quun Poutine, par exemple, dmontre chaque jour que les dmocraties occidentales ne sont pas en mesure dendiguer des rgimes autocratiques imprvi-sibles, qui se moquent perdument des principes de lordre internatio-nal. La Chine aussi, la plus grande de toutes les autocraties, semble dcide prouver au reste du monde quune dictature unipartite est en mesure de rgler plus effica-cement de gros problmes que les dmocraties, incapables de gou-verner. Les autocraties mprisent les dmocraties quelles associent la faiblesse. Reprsentent-elles rellement une alternative la dmocratie? Non. Mais les dmo-craties ne peuvent plus soffrir le luxe dignorer leurs provocations.

    Der Abwehrkampf von Autokratien gegen die Demokratie ist nicht einfach gegen den Westen gerichtet. Sondern vielmehr gegen Errungenschaften der modernen Gesellschaft mit ihren offenen Ordnungen, Freiheiten und Rechten. Nicolas Hayoz

    Ein Blick auf die Weltkarte zeigt, dass etwa ein Drittel aller Lnder mehr oder weniger autoritr regiert wird. Fgt man die hybriden Mischformen zwischen Demokratien und autoritren Systemen hinzu, so sieht man rasch, dass Nicht-Demokratien in den Weltregionen ausserhalb der OSZE dominierend sind.1 Wenn man unter Demokratie nur die vollstndigen versteht, also liberale rechtsstaatliche Demokratien, dann kommt man weltweit gerade mal auf etwa 25 Lnder.2 Legt man hingegen einen weniger strengen Masstab an und konzentriert sich auf elektorale Demokratien, also auch auf solche, die trotz Wahlen erhebliche Defekte aufweisen, dann lassen sich doch immerhin 122 von 195 Lndern oder 63 Prozent als solche beschreiben.3 Dennoch: die liberale Demokratie scheint vorderhand jedenfalls nicht mehr auf dem Siegeszug zu sein, den man ihr vor allem nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus vorausgesagt hat. Viele Autokratien wol-len sich nicht demokratisieren lassen. Entsprechende Erwartungen wurden und werden regelmssig enttuscht, z.B. im Nahen Osten oder in vielen sogenannten Schwellenlndern, in denen die Demokratie trotz Wahlen nicht wirklich Fuss gefasst hat. Andererseits zeigen die etablierten Demokratien nicht erst seit der Finanzkrise vielfach das Bild von teils regierungsunfhigen, reformunfhigen Ordnungen, denen die Regierten mit Misstrauen begegnen.

    Politsystem fr Softies Dazu kommt, dass sich die westliche Staatengemeinschaft nun neu auch Auto-kratien im Osten und im Nahen Osten

    gegenber sieht, die bereit sind, Krieg zu fhren, um Territorien zu erobern. Putins mehr oder weniger verdeckter Krieg gegen die Ukraine scheint zwar aus anderen Zeiten zu stammen, aber er fhrt den westlichen Demokratien jeden Tag vor Augen, dass sie (noch) kein taugliches Mittel gefunden haben, um unberechenbare autokratische Regime einzudmmen, die sich einen Deut scheren um Prinzipien der internationalen Ordnung. Man kann schon jetzt sagen, dass diese Krise ein eye opener ist, der in der Akademie wie in der Politik zu einem Umdenken fhren wird, was die Art und Weise betrifft, wie mit Autokratien umgegangen werden soll. Putins imperiale Obsessionen und aggressiven Abenteuer in der Ukraine, zu denen auch der unsgliche Propagandakrieg kommt, ber den die politische Realitten semantisch neu besetzt werden, bedeuten nicht nur eine Gefahr fr eine neu entstehende demokratische Ukraine, die soeben erst den eigenen Autokraten aus dem Amt verjagen konnte. Sie bedeuten auch eine Gefahr fr die europische Sicherheitsordnung. Putins Politik bedeutet letztendlich Krieg gegen den liberalen Westen und damit gegen die moderne Gesellschaft mit ihren offenen Ordnungen, ihren Rechten und Freiheiten. Auch China, die grsste aller Autokratien, hat sich schon seit lngerem aufgemacht, der Welt zu zeigen, dass eine Einparteiendiktatur die grossen Probleme effizienter zu lsen vermag als schwache regierungsunfhige Demokratien. Der beeindruckende wirtschaftliche Erfolgskurs Chinas scheint dem Regime Recht zu geben. Und auch politisch wird das von der kommunistischen Partei getragene Regime von der grossen Mehrheit der Bevlkerung

    Autokratie vs.Demokratie: Wer ist Goliath?

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    Nicolas Hayoz ist assoziierter Professor am Bereich Gesellschafts-, Kultur- und Religionswissenschaften und Direktor des Instituts fr Ost- und [email protected]

    akzeptiert. Es geht offensichtlich auch ohne Demokratie, zumindest ohne die westliche liberale Variante. Das betonen die Vertreter von autokratischen Regimes jedenfalls und machen ihre Bevlkerung und die Welt regelmssig auf die Auswchse von westlichen Demokratien aufmerksam. Auto- kratien verachten Demokratien, sie asso- ziieren sie mit Schwche. Der entsprechende Diskurs von peripheren und konservativen Autokratien, wie etwa Russland, kann dabei kaum die Tatsache ver-stecken, dass es diesen vor allem um Herrschaftsabsicherung geht, die letztendlich auf Repression beruht.

    Schnwetterherrschaft Autokratien vermgen sich als Gegner von Demokratien in Szene zu setzen. Stellen sie aber tatschlich eine Alternative zur Demokratie dar? Nichts ist weniger sicher. Die diktatoriale Grossmacht China stellt dabei eine Ausnahme dar. China gehrt zu den wenigen geschlossenen Autokratien ohne Wahlen, im Unterschied zu den elektoralen Autokratien. Auch der Erfolg seiner Form des autoritren Staats-Kapitalismus hebt China von den meisten Autokratien ab. Es gibt eine sehr anpassungsfhige kommunistische Partei, die auf Modernisierung und Entwicklung setzt und Kapitalismus benutzt, um die eigene Herrschaft zu strken. Und es ist eine Partei, die sich rhmt, Legitimitt ber Leistung, Wachstum und Meritokratie zu produzieren.4 Kritische Beobachter dage-gen machen darauf aufmerksam, dass das System auf Patronage und Korruption beruht, die die Legitimitt der Partei untergraben, und dass bei abnehmendem Wirtschaftswachstum auch die Konflikte und damit der Druck auf die Partei, das politische System zu reformieren, zunehmen werden.5 Wir mgen beeindruckt sein von der Dynamik der nachholenden Modernisierung in China, von der Tatsache, dass laufend neue Stdte entstehen und hunderte Kilometer Autobahnen gebaut werden, fr deren Bau in der Schweiz ein halbes Jahrhundert bentigt wird. Aber auch hier haben wir es (immer noch) mit einem auf Repression beruhenden Regime zu tun, das den Wandel in Richtung freiheitliche Gesellschaft nicht zulsst und governance als staatlich kontrollierten Prozess versteht, in dem es den mndigen Brger nicht braucht.

    Der Demokratienfake Modernisierung heisst, wie im Falle des korrupten Russlands und anderen

    Autokratien: man bernimmt vom Westen die industriellen und technologischen Aspekte der Entwicklung, verweigert sich aber der politischen Modernisierung, sprich ffnung. David Runciman hat im Buch The Confidence Trap darauf hingewiesen, dass Autokratien seit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems mehr und besser gelernt haben von Demokratien als umgekehrt.6 Das hat damit zu tun, dass Autokratien sich vor Instabilitt und Demokratisierung schtzen mssen: Ein zum Feind stilisierter politischer Gegner ist immer schon da, den man neutralisieren muss. Vor allem elektorale Autokratien wie in Russland und dem Nahen Osten haben gelernt, Demokratien zu imitieren bzw. die Kontrolle gegenber das Regime gefhrdende Proteste und Aufstnde zu behalten. Sie verfgen ber moderne Technologien, Kommunikations- und Propagandaspezialisten im In- und Ausland und bentzen das Recht, um ihre Gegner und auch das Volk zu kontrollieren. Die Ironie dabei ist, dass Autokratien ihren Machtanspruch nur ber die Instrumentalisierung und Pervertierung von demokratischen Institutionen aufrechterhalten knnen. Sie knnen auf das demokratische Spiel nicht (mehr) verzichten, auch wenn dieses nur eine Pflichtbung ist. Die Wahlen gewinnt der Machthaber.

    Ernst zu nehmende Gefahr Autokraten finden Wege, um dem von ihnen etablierten Regime und sich selbst das berleben zu sichern. Wenn sie Wohlstand schaffen knnen, dann kommt ber die aufsteigenden Mittelschichten auch die Mglichkeit der Demokratisierung. Und wenn dies nicht der Fall ist, was dann? Wird sich das Volk erheben gegen den Diktator, z.B. wie in der Ukraine? Oder sucht dann der Autokrat neue Feinde, die man, falls ntig, auch mit Gewalt bekmpfen muss, vielleicht mit der Untersttzung der manipulierten ffentlichen Meinung, so wie man das gegenwrtig in Russland sehen kann? Kann sich die Autokratie so retten ber Militarisierung und Aufbau einer Festungsmentalitt? Kann man so Werte bzw. deren ideologischen Versatzstcke propagieren? Nein, Autokratien schaffen nichts Neues und stellen weder ideologisch noch als politische Realitt eine plausible Alternative zur Demokratie dar. Aber Demokratien kommen nicht mehr umhin, sich den Anfeindungen unberechenbarer Autokratien mit geeigneten Mitteln entgegenzustellen. n

    Quellen1 Der Begriff Autokratie umfasst sowohl autoritre wie totalitre Regime und wird auch benutzt, um hybride Spielarten, z.B. elektorale Autokratien, abzudecken. Zur Frage der Abgrenzung zwischen Demokratie und Autokratie oder zwischen Autokratie und hybriden Systemen siehe die Kontroversen in der Autokratieforschung z.B . Steffen Kailitz, Patrick Kllner (Hrsg.), 2013, Autokratien im Vergleich, Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 47, Baden-Baden: Nomos; Holger Albrecht, Rolf Frankenberger (Hrsg.), 2010, Autoritarismus Reloaded. Neuere Anstze und Erkenntnisse der Autokratieforschung. Baden-Baden: Nomos; Uwe Backes, Steffen Kailitz (Hg.), 2014, Ideokratien im Vergleich, Gttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.2 Siehe dazu z.B. die Klassifikation im Democracy Index 2012 Democracy at a standstill. A report from the Economist Intelligence Unit.3 Siehe dazu Freedom in World 2014 http://www.freedomhouse.org/report/freedom-world/freedom-world-2014#.U_9hbbscRhE 4 Siehe dazu Eric X.Li, The Life of the Party. The Post-Democratic Future Begins in China. Foreign Affairs, Jan./Feb. 2013 http://www.foreignaffairs.com/articles/138476/eric-x-li/the-life-of-the-party 5 Siehe Yasheng Huang, Democratize or Die, Why Chinas Communists Face Reform or Revolution. Foreign Affairs. Jan./Feb. 2013 http://www.foreignaffairs.com/articles/138477/yasheng-huang/democratize-or-die 6 Man kann durchaus von einer steilen Lernkurve bei Autokratien sprechen: siehe dazu WIllima J.Dobson, 2013, Dictators Learning Curve. Tyranny and Democracy in the modern World. London: Vintage

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    Ein Grieche in RomPolybios von Megalopolis in Arkadien wird whrend des Krieges der Rmer gegen Perseus, dem Knig von Ma-kedonien, nach Italien deportiert. Er lsst sich in Rom nieder und widmet sich dem Verfassen seiner Histoire, welche die Periode zwischen dem Zweiten Punischen Krieg und der Zer-strung von Karthagos und Korinth sowie die Auflsung des Achaiischen Bundes umfasst. Seine Analyse der Rmischen Verfassung wird bis heute geschtzt; aber Polybios Herz schlug fr das System seiner Heimat: der Demokratie. Indem er in seinen Texten den Erfolg des Achaiischen Bundes mit der Exzellenz von des-sen Institutionen erklrte, skizzierte der Historiker das Fundament eines demokratischen Regimes. Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass die Rmer Griechenland zu Beginn des II. Jahrhunderts in ein Protektorat umwandelten und ab 145 unter die Gesetzgebung des Prokonsuls von Makedonien stellten. Polybios, der das Vertrauen der Rmer gewon-nen hatte, wurde damit beauftragt, seinen Landsleuten die Vorteile des Zensussystems zu erklren.

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    Polybe est n entre 210 et 200 avant J.-C. Mgalopolis, en Arcadie. Son pre, Lycortas, tait un homme politique influent dans la Confdration des Achens, dont sa cit tait membre. Lors de la guerre mene par les Romains contre le roi de Macdoine, Perse, il fut lu hipparque commandant en chef de la cavalerie achenne le deuxime poste en importance aprs celui de stratge. Aprs la victoire des Romains Pydna, il fut dport en 167 en Italie avec 1000 autres compatriotes achens, jugs suspects de menes anti-romaines. Grce lappui du vainqueur de Perse, Paul Emile, il put cependant rsider Rome, o il devint lami et le matre penser de Scipion Emilien. Il sy consacra la rdaction de son Histoire, qui devait dabord couvrir la priode allant de la seconde guerre punique la chute de la monarchie macdonienne (220-167), quil prolongea aprs coup jusqu la destruction de Carthage et de Corinthe, et la dissolution de la Confdration achenne (167-145).

    Remarquable analyste Son analyse de la constitution romaine est demeure clbre. Il montrait que le rgime de Rome contenait les carac-tristiques des trois constitutions que lon distinguait traditionnellement: la royaut, laristocratie et la dmocratie. Lautorit des magistrats reprsentait le pouvoir royal, le snat, le pouvoir aristocratique et les assembles du peuple, le pouvoir dmocratique. Lquilibre des trois pouvoirs assurait la stabilit de la constitution et le succs de lEtat romain. Ces rflexions connurent un grand succs lpoque moderne: Montesquieu, par

    exemple, qui sinspirait aussi dAristote, fut un grand lecteur de Polybe.Sil admirait la constitution de Rome, Polybe ne cachait pas sa prfrence pour le rgime de sa patrie: la dmocratie. Lorsquon pense la dmocratie grecque, la constitution dAthnes vient aussitt lesprit: cet Etat-cit, grand comme le Grand-Duch du Luxembourg ou le Canton du Tessin, a instaur, partir de la fin du VIe sicle, un systme politique reposant sur la participation directe des citoyens. Les 9 archontes, les 500 membres du conseil et la plupart des fonctionnaires taient recruts par tirage au sort; les officiers militaires et quelques trsoriers, lus main leve par lAssemble. Les charges ordinaires, annuelles, taient soumises reddition de compte. LAssemble votait des dcrets prpars par le conseil et proposs par des magistrats ou de simples particuliers. Au IVe sicle, pour viter les choix prcipits, les lois taient votes dans des assembles dites de nomothtes, qui ntaient probablement gure plus que des assembles diffres.Chaque anne, six mille personnes, d-signes par tirage au sort, recevaient le statut de juges (hliastes). Cest parmi eux quon tirerait au sort les tribunaux populaires, qui comptaient souvent plu-sieurs centaines de jurs. Ils jugeaient, en dernier ressort, la plupart des diffrends opposant les particuliers (dikai), mais aussi tous les procs o la cit pouvait paratre lse (graphai). Des indemnits taient verses aux par-ticipants des assembles et aux juges. Des subsides permettaient aux plus d-munis dassister aux spectacles. Taxes, amendes, affermages de biens collectifs

    La dmocratie, une invention des Grecs...Un destin exceptionnel: Polybe de Mgalopolis, en Achae, fervent dmocrate exil Rome en 167, aprs la conqute de la Macdoine, rentre au pays 20 ans plus tard comme ambassadeur du rgime censitaire impos par les Romains. Marcel Pirart

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    constituaient lessentiel des revenus de lEtat, sans compter les bnfices quil tirait de son empire. On ne payait des impts directs quen cas durgence, mais les riches taient appels contribuer, par des liturgies, au financement des ftes et des concours ou lentretien des vaisseaux de la flotte de guerre.

    Dmocratie fdraleToutes les cits grecques ntaient pas des dmocraties: ainsi Sparte ou Rhodes. Toutes les dmocraties ntaient pas non plus aussi radicales que celle dAthnes lpoque classique. Son rayonnement culturel, le soutien dAlexandre le Grand, qui imposait des rgimes dmocratiques aux cits quil librait, en favorisrent cependant la diffusion. Les rois, qui se partagrent lempire dAlexandre aprs sa mort, installrent souvent dans les cits dont ils prenaient le contrle des rgimes oligarchiques ou tyranniques, protgs par des garnisons. Pour sauvegarder leur indpendance, des cits se regrouprent alors en confdrations, comme le Koinon des Achens, auquel appartenait Polybe. A lorigine, la Confdration achenne tait un simple regroupement de bourgades du Nord du Ploponnse. Ladhsion de Sicyone, sous limpulsion dAratos, en 250, puis celle de Corinthe, de Mgare, dArgos, de Mgalopolis et de la plupart des cits du Ploponnse transformrent cette confdration dEtats-cits en vritable Etat fdral. On vit alors des tyrans locaux dposer le pouvoir absolu pour faire adhrer leur cit la dmocratie achenne. Polybe, qui crit vers 150, insiste sur le rle de la Confdration des Achens dans lunification du Ploponnse (II 37, 10-11): Dj, dans le pass, on avait plusieurs reprises essay damener les cits du Ploponnse sassocier. Personne ny tait parvenu, parce quau lieu de rechercher la libert commune, chacun uvrait pour sa domination propre. Lide fit, de notre temps, tant de progrs et connut un tel achvement quon nest plus en prsence dune simple association de peuples allis et amis cherchant rgler leurs affaires en commun: les Achens ont les mmes lois, les mmes poids et mesures, la mme monnaie et aussi des magistrats, un conseil et des tribunaux communs. Une seule chose distingue encore le Ploponnse presque tout entier dun Etat-cit ordinaire: ses habitants ne peuvent sabriter derrire une enceinte unique. Car pour le reste tous jouissent

    des mmes droits ou presque. Il dcrit ici les institutions fdrales, car les cits membres conservaient leurs lois et leurs institutions propres. En ralit, lunification du Ploponnse sous la houlette de la Confdration achenne fut loin dtre aussi parfaite que ne le proclame lhistorien: la rsistance de Sparte et de Messne et sans doute dautres cits, la brutalit des Achens lgard des rcalcitrants, lhabitude prise trs vite daller plaider sa cause auprs du Snat romain sont autant daveux de faiblesse.

    Retour au paysLintrt du texte de Polybe est ailleurs: en attribuant le succs de la Confdration achenne lexcellence de ses institutions, lhistorien dgage les principes qui fondent un rgime dmocratique. La dmocratie assure la libert dexpression (parrhsia) et lgalit de tous devant la loi (isonomia). On ne la confondra pas avec sa caricature, le gouvernement des masses (ochlocratie): [On ne nommera pas dmocratie] un rgime o nimporte quelle foule a le pouvoir de faire tout ce quil lui plat de mettre aux voix: les systmes politiques o la tradition impose de vnrer les dieux, honorer ses parents, respecter les personnes ges, obir aux lois, si les dcisions y sont prises la majorit, voil ceux quil convient dappeler dmocratie. Dans la Confdration achenne, en effet, tous les citoyens taient membres de droit de lekklsia, une assemble primaire dont les runions et les prrogatives taient rgles en dtail par la loi. La paix et la guerre se dcidaient au niveau fdral. Les diffrends entre cits taient rgls sous lgide de la Confdration par voie darbitrage.Ds le dbut du IIe sicle cependant, Rome transforma la Grce en protectorat avant de la soumettre, ds 145, la juridiction du Proconsul de Macdoine. Les Romains, qui naimaient pas les dmocraties, prfraient confier le plus de pouvoirs cette fraction des citoyens qui avait le plus d'intrt au maintien de la sauvegarde et de la tranquillit (Tite-Live). En 146/5, ils imposrent dans le Ploponnse des rgimes censitaires dont Polybe, qui avait gagn leur confiance, fut charg d'expliquer les bienfaits ses compatriotes. Rsign ou convaincu, hostile dans tous les cas la politique du pire, il aida les nouveaux gouvernements prendre ce tournant dlicat, sattirant ainsi leur reconnaissance. n

    Marcel Pirart est professeur titulaire de la Chaire dhistoire de [email protected]

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    Was macht eine Demokratie aus?Dass die Schweiz die lteste Demokratie der Welt ist, trifft ebenso wenig zu wie das Klischee, dass sie fr die ganze Welt Vorbildfunktion besitzt. Ohnehin drfte ein Demokratien-Ranking keine echten Mehrwerte liefern. Bernhard Waldmann

    Demokratie ist zunchst eine Idee, ein Ordnungsprinzip, nach welchem sich ein Verband von Menschen typischerweise der Staat organisiert. Als Ordnungsprinzip lsst die Demokratie verschiedene Mglichkeiten der Ausgestaltung zu. Die Demokratie gibt es nicht, wohl aber existieren verschiedene Verfassungsstaa-ten, die sich als Demokratien begreifen und auch als solche anerkannt sind, deren Ausprgung aber im Einzelnen aufgrund der jeweils unterschiedlichen geschichtlichen, gesellschaftlichen, geogra- phischen und wirtschaftlichen Hinter-grnde variiert. In der Schweiz beruht die Demokratie weniger auf einer bestimmten normativ-philosophischen Idealvorstel- lung als vielmehr auf der fderalen und genossenschaftlichen Tradition und ei- nem ausgeprgten Pragmatismus. Die Auseinandersetzung mit dem Demo-kratiebegriff bildet eines der Kernthemen der Demokratieforschung1. Dabei geht es nicht nur um die Frage, was eine Demokratie ausmacht und sie von anderen Staatsformen abgrenzt, sondern auch um die Frage nach einer guten Demokratie2 und nach ihrem Verhltnis zum Rechtsstaat.

    Kern des DemokratiebegriffsObwohl es kein globales (und bri-gens innerhalb der Schweiz kein gemeineidgenssisches) Demokratiever-stndnis gibt, lassen sich einige Kernelemente bestimmen, die es erlauben, das Wesen einer Demokratie zu erkennen. Demnach knnen all jene Staaten zu den Demokratien gezhlt werden, in denen die Staatsgewalt und die Erfllung von Staatsaufgaben auf das Volk zurckgefhrt werden knnen (Volkssouvernitt).

    Wesentlich ist nach dieser tradierten Definition, dass smtliche Trger der Staatsgewalt ihre Legitimation letztlich vom Volkswillen, wie er in Verfassung und Gesetz zum Ausdruck kommt, ableiten und entsprechend dem Volk gegenber verantwortlich sind. Eine aus der Demokratie geborene Rechtsordnung wird somit vom Volk konstituiert, was Delegationen von Befugnissen und Hoheitsgewalt an Organe (auch an nicht vom Volk gewhlte) nicht ausschliesst. Die schweizerische Demokratie zeichnet sich durch einen hohen Anteil von direktdemokratischen Teilhabe- und Kon- trollrechten aus, weshalb sie auch als halbdirekte Demokratie bezeichnet wird.

    Fragwrdige AufblhungWhrend in der Rechtswissenschaft ein enger Demokratiebegriff dominiert, der eher deskriptiv zur Herausbildung einer Typologie von Staatsformen und nur selten als eigentlicher Rechtsbegriff verwendet wird3, lsst sich in der Politikwissenschaft eine Tendenz zur Erweiterung des Demokratiebegriffs fest- stellen. Diese Erweiterung geschieht mit Blick auf eine Analyse und Bewer-tung der Qualitt der etablierten De-mokratien4. In einem erweiterten Demokratieverstndnis fliessen auch ge-wisse materielle Elemente der Verfassung und der Verfassungswirklichkeit, wie z.B. die Beachtung der Rechtsgleichheit und des Gewaltenteilungsprinzips, die Verfassungsgerichtsbarkeit oder teilweise sogar das Niveau der sozialen Rechte hinein. Die daraus ableitbaren Indikatoren sollen es ermglichen, die Qualitt von Demokratien im Lngsschnitt (auf der Zeitachse) und im

    Rduire lessentiel La dmocratie nexiste pas, mais on trouve divers Etats constitutionnels qui se conoivent comme une dmo-cratie et sont reconnus en tant que tels, mais dont la ralit varie selon les contextes historiques, sociaux, go-graphiques et conomiques. Donc, mme sil nexiste aucune concep-tion globale de la dmocratie, il est possible didentifier des lments essentiels qui permettent den dfinir lessence. En principe, tous les Etats dans lesquels le pouvoir de lEtat et la ralisation des tches publiques peuvent tre attribus au peuple, font partie des dmocraties. Dans une comprhension plus vaste, certains lments matriels de la constitution et de la ralit constitu-tionnelle, comme le respect de lga-lit devant la loi et du principe de la sparation du pouvoir, sintroduisent dans la juridiction constitutionnelle ou parfois mme au niveau des droits sociaux. Par contre, gonfler (exag-rment) le concept de dmocratie favorise la formation dun systme de valeurs avec une forte densit de rglementations et une lgitimation dmocratique faible.

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    Bernhard Waldmann ist Vizedirektor des Instituts fr Fderalismus und Inhaber des Lehrstuhls fr Staats- und Verwaltungsrecht III. [email protected]

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    Quervergleich (zu anderen Demokratien) zu vergleichen und daraus ein Ranking zu erstellen. Die Bewertungskriterien fr die Qualitt einer Demokratie erscheinen dabei auf den ersten Blick durchaus einleuchtend: So setzt eine Demokratie die Freiheit, seine Meinung frei zu bilden und zu ussern, sowie andere Rechte wie die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit oder ein Demonstrationsrecht voraus. Ebenso ge-rt ein demokratisches System, das zu einer systematischen Benachteiligung angestammter sprachlicher, religiser oder anderer Minderheiten fhrt, in den Konflikt mit den (vlkerrechtlichen) Diskriminierungsverboten. Ferner setzt die Kontrolle des Volks ber die Behrden eine gewisse Transparenz voraus. Die Aufblhung des Demokratiebegriffs mit den Rahmenbedingungen fr eine funktionsfhige Demokratie und den Schranken der (materiell verstandenen) Rechtsstaatlichkeit begnstigt aber die Entstehung einer globalen, flchen-deckenden Werteordnung mit hoher Regulierungsdichte und schwacher demokratischer Legitimation. Der in einem demokratischen Rechtsstaat vorhandene Spielraum wird immer enger, so dass Recht immer weniger durch demokratische Prozesse, als vielmehr in der Hauptsache ber transnationale Kanle entsteht, die hufig intransparent und eher expertokratisch als demokratisch ausgestaltet sind. Leidet die Schweiz wirklich an einem Demokratiedefizit, wenn sich Volk und Parlament bei der Parteienfinanzierung nicht den internationalen Standards anpassen wol-len? Htte der in der Demokratietheorie diskutierte Grundsatz, dass alle Individuen, die von einer politischen Entscheidung betroffen sind, auch an deren Entstehung mitwirken knnen mssten, nicht zur Folge, dass auch auslndische Touristen an Entscheidungsprozessen ber Strassengebhren zu beteiligen wren? Oder lassen sich sachliche Grnde, die eine Ungleichbehandlung von Brgern und Nicht-Brgern im Rahmen der Ausbung politischer Rechte rechtfertigen knnen, abschliessend durch globale und transnationale Vorgaben

    bestimmen? Gibt es fr die Festsetzung des Wahl- und Stimmrechtsalters nur eine ganz bestimmte Lsung?

    Demokratie im RechtsstaatSelbstverstndlich drfen diese kritischen Einwnde gegen einen ausufernden Demokratiebegriff nicht als Votum fr eine schrankenlose Volksherrschaft ver- standen werden, im Gegenteil: Die Volksherrschaft darf gerade auch angesichts des Minderheitenschutzes und des rechtsstaatlichen Prinzips der gegenseitigen Gewaltenhemmung nicht schrankenlos sein. Nur ein Staat, der solche Schranken respektiert, ist auch ein demokratischer Rechtsstaat. Die fr das Funktionieren einer Demokratie unabdingbare gemeinsame Werteordnung muss aber primr durch die demokratische Gemeinschaft geschaffen, getragen und weiterentwickelt werden, wobei die Grundwerte der Vlkerrechtsgemeinschaft nicht zur Verhandlung stehen. Die Weiterentwicklung und Ausdifferenzie-rung der globalen Werteordnung darf allerdings nicht dazu fhren, dass die Errungenschaften der Demokratie in einem durch die Dominanz globaler Mehrheiten geprgten Prozess der Rechtsschpfung verlorengehen. Das gerade in der Schweiz vermehrt anzutreffende Spannungsfeld zwischen globaler Werteordnung und demokratischer (nationaler) Selbstbe-stimmung liegt weniger in den Werten an sich, sondern in der Frage, wer fr deren Ausdifferenzierung sowie die Entscheidung von Wertkonflikten zu-stndig ist. Letztlich bedrfen auch Entscheidungen internationaler und supranationaler Entscheidungstrger einer hinreichenden (demokratischen) Legitima-tion. Wer populistische Wut- und Symbol- Entscheide zum Anlass fr eine Schelte gegen die Demokratie nimmt, macht es sich zu einfach. Solche Reaktionen mssen vielmehr als Warnzeichen ge-deutet werden, dass das Gleichgewicht zwischen Volksherrschaft und den letztlich darauf zurckzufhrenden Trgern von Hoheitsgewalt gestrt ist.

    Quellen1 Aus der Literatur statt vieler Bauer/Huber/Sommermann (Hrsg.), Demokratie in Europa, Tbingen 2005; Walter Haller/Alfred Klz/Thomas Gchter, Allgemeines Staatsrecht, 5 A., Zrich/Basel/Genf/Baden-Baden 2013; Kriesi, Direct Democratic Choice: The Swiss Experience, Lanham 2008; Rhinow, Grundprobleme der schweizerischen Demokratie, in: ZSR 1984 II, S. 111273. 2 Bereits Aristoteles (Politeia, 3. Buch, 7. Kapitel) stellte der gemeinntzigen Herrschaft der Staatsbrger die Pbelherrschaft gegenber, die er was aus heutiger Sicht erstaunt- als Demokratie bezeichnete.3 Vgl. immerhin Art. 51 Abs. 1 BV, wonach sich die Kantone eine demokratische Verfassung zu geben haben.4 Vgl. hierzu insbesondere Bhlmann/Merkel/Mller/Giebler/Wessels, Demokratiebarometer: ein neues Instrument zur Messung von Demokratiequalitt, in: Zeitschrift fr Vergleichende Politikwissenschaft, 2012, S. 115 ff., 117 f.

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    Les trois talons dAchille de la dmocratie suisseNergotons pas, la Suisse est une grande dmocratie. Pourtant, bien y regarder, trois failles pourraient bien miner le systme helvtique. Il faut toujours prendre garde au colosse aux pieds dargile. Gilbert Casasus

    Le dbat est rcurrent. Depuis plus de vingt ans, il oppose deux coles de la science politique. Lune, de tradition plus europenne, se veut normative et qualitative. Lautre, dinspiration anglo-saxonne, privilgie le quantitatif et les donnes chiffres car, pour elle, en politi-que tout se mesure, mme la dmocratie. Cest en 2011 que lUniversit de Berne, le Centre pour la Dmocratie dAarau et le Wissenschaftszentrum fr Sozialforschung de Berlin publiaient un baromtre com-paratif des meilleures dmocraties du monde. La Suisse ne sy plaait quen qua-torzime position. Devance par lAlle-magne, mais aussi par la Slovnie, elle avait ragi avec une certaine stupfaction, voire avec consternation. Ntre quen milieu de tableau, voil qui lavait quelque peu branle, elle qui croyait, et croit toujours, dtenir la palme dor de la dmocratie universelle.

    Quelle importance?A son corps dfendant, la Suisse ntait nullement responsable dun classement dont la rigueur scientifique se situait quelque part entre de savants schmas mathmatiques et quelques attrape-nigauds pour politologues en herbe. A la seule lecture de la bibliographie de ltude, un spcialiste averti se rendait compte de la faillibilit dun document acadmique qui se dclinait exclusivement en English ou en Deutsch. Omettant de se rfrer aux ouvrages rdigs dans dautres langues, pourtant utiliss dans dautres et nombreux pays dmocratiques, les auteurs de ce travail dvoilaient le plus pernicieux des aspects de lapproche quantitative de lanalyse politique, savoir confondre la forme et le fond.

    Quimporte que la Suisse occupe la qua-torzime, la troisime, la vingtime, voire la premire place des dmocraties travers notre plante. Cela na que peu dimpor- tance, car les systmes politiques ne se mesurent pas la lumire dun tableau de mdailles. Il ny a pas dOlympiades de la dmocratie, pas plus quil nexiste de championnat du monde des rgimes dmocratiques. En effet, la dmocratie nest pas une comptition, mais un processus historique, politique et surtout culturel qui ne se rsumera jamais quelques critres tablis avec plus ou moins de raison ou de draison. Sinon, la Rpublique dmocratique du Congo, voire la feue Rpublique dmocratique allemande au-raient t ce que la dmocratie aurait fait de mieux! Place l o elle est, la Suisse est une grande dmocratie. Elle le mrite et la longtemps t avant ses voisins. Son modle fonctionne, car chaque citoyen se reconnat en lui. Cest l lessence mme de cette Willensnation qui repose sur une lgitimit politique que dautres pays lui envient. Ainsi la Suisse est dmocratique parce quelle agit pour ce qui lui est commun, savoir accepter ses diffrences pour vivre dans une harmonie culturelle et pacifique que personne ne saurait remettre en cause.

    Parlons-en!Mais comme nul nest parfait, le systme suisse prsente aussi des failles. De plus en plus visibles sous lemprise dvolutions relativement rcentes, elles devraient faire lobjet de dbats souvent passs sous silence. En effet, la politique suisse refuse toujours de rpondre des questions quelle devra invitablement se poser court ou moyen

    Modell mit MakelnDie Schweiz ist eine grosse Demo-kratie. Sie handelt im Sinne der Ge-meinschaft und akzeptiert deren Unterschiede, um ein Leben in ei-ner kulturellen und friedliebenden Harmonie zu fhren, das niemand in Frage stellt. Soweit, so gut. Aber das helvetische System birgt auch Tcken, die dringend auf den Tisch gebracht werden mssten. Natrlich geht es nicht darum, die Demokratie als solche in Frage zu stellen, son-dern vielmehr um deren Umsetzung. Man denke etwa an die schwache Stimmbeteiligung, an undurchsich-tige Finanzierungsmethoden oder auch an das Fehlen eines Organes zur berprfung der Verfassungs-rechtlichkeit von Gesetzen und Ge-setzesvorlagen. Die Schweiz luft Gefahr, je lnger je mehr die Kontrol-le ihrer politischen Agenda zu verlie-ren. Damit schwcht das Land, das jenseits seiner Grenzen starker Kritik ausgesetzt ist, nicht nur seine Exe-kutive; es beraubt sich zudem selber des Modellcharakters, der gerade im europischen Rahmen gerne betont wird.

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    terme. En retard sur le temps politique, elle risque par elle-mme de mettre mal ce qui, de sa force, pourrait lextrme provoquer sa propre faiblesse. Ce nest pas sa dmocratie, de surcrot directe, qui est en cause, mais la manire dont elle lutilise. Car, mme si ladage est connu, il ne peut y avoir de vraie dmocratie sans de vrais dmocrates, comme il ne peut pas exister de rgles dmocratiques sans acteurs qui les respectent. Aucun dentre eux na encore franchi la ligne jaune. Sauf que quelques-uns sen rapprochent dangereusement. Sachant quen politique il vaut mieux prvenir que gurir, la Suisse est appele se prmunir de trois maux qui, dores et dj, portent atteinte son systme dmocratique. Cer-tes, les valuer diffremment dans leurs rpercussions respectives, ils rvlent des dficits dont lexistence nest encore que trop peu voque au grand jour.

    Manque dintrt?Le premier dficit suisse a pour nom la faible participation lectorale. Adopts parfois avec moins de 40% de votants, certains rfrendums ou initiatives peuvent peine se prvaloir dune lgitimit populaire. Par dfinition plus minoritaires que majoritaires, ils constituent toutefois le cur dun arsenal politique qui engage le destin du pays. Plus dplorable encore est le taux de participation enregistr lors des lections au Conseil national qui, comme dans toute dmocratie parlementaire, devrait constituer le scrutin le plus important du pays. Bien quen progression rgulire depuis une vingtaine dannes, il ne franchit toujours pas le seuil fatidique des 50% dinscrits, preuve que la majeure partie des citoyens helvtiques ne prte que peu dattention la composition de son parlement. Ici la Suisse est nettement en retard par rapport ses principaux voisins. Quils soient Allemands, Franais ou Italiens, ceux-ci se dplacent en plus grand nombre aux urnes loccasion des lections lgislatives ou prsidentielles: plus de 71% en RFA lors des Bundestagswahlen en 2013, prs de 75% en Italie lors des lections la chambre des dputs et du Snat de la mme anne et environ 80% pour lire le nouveau Prsident de la Rpublique franaise en 2012. Entre-temps, mme les Etats-Unis font mieux que la Suisse. Celle-ci atteint par ailleurs des niveaux de participation lectorale comparables ceux enregistrs lors des lections europennes qui, par manque de civisme notamment peru dans les pays dEurope centrale et orientale,

    nont toujours pas russi rassembler une majorit dlecteurs derrire elles.

    Les cordons de la bourseAttitude typiquement helvtique, largent reste un sujet tabou de la politique suisse. Bien que soccupant par dfinition de la chose publique, elle demeure financirement confine dans sa sphre prive. Par consquent, elle est labri de toute corruption, car elle profite dun no mans land rglementaire, o les partis politiques ne sont pas soumis la moindre disposition lgislative. Second avatar de la dmocratie suisse, le financement politique ne relve que de la loi du plus fort ou plus prcisment de la loi du plus fortun. A dfaut de corrompre ou dtre soi-mme corrompu, chaque responsable politique est tributaire des sommes quil rcolte ou dont il dispose. Ainsi, nexiste-t-il aucune transparence financire lintrieur dun systme qui se veut, par lui-mme, par-faitement ingalitaire. A contrario des pays voisins qui, au fil du temps, ont mis en place une lgislation financire des partis politiques pour pallier quelques scandales, la Suisse prfre toujours puiser dans les fonds des particuliers, sans que lon devine dailleurs toujours do ils proviennent. A lexception de quelques donateurs connus, la politique suisse vit ainsi de la mme rgle que celle qui prvaut pour son secteur bancaire, savoir dans le secret.Plus quun dficit ou un avatar, le dernier mal de la politique suisse pourrait, ny prendre garde, ronger la dmocratie helvtique de lintrieur. Confronte des initiatives populaires de plus en plus controverses, elle est incapable de se prmunir contre celles-ci. En effet, la Suisse na pas encore russi se doter ni dun Conseil dEtat, ni dune Cour constitutionnelle qui, en amont ou en aval, vrifierait la constitutionnalit de ses lois ou projets de loi. Devant appliquer des textes souvent inapplicables, le Conseil fdral est de plus en plus pris en tenaille entre la volont du peuple et le devoir de respecter des traits et des conventions internationaux quil a lui-mme signs et ratifis. Au risque de perdre progressivement la matrise de son agenda politique, lexcutif suisse pourrait alors saffaiblir de jour en jour dans un pays qui, lextrieur de ses propres frontires, non seulement fait lobjet de critiques fondes, mais aussi se prive, par lui-mme, de ce rle de modle quil prtend incarner pour une Europe digne et respectueuse des valeurs qui ont fait son nom. n

    Gilbert Casasus est professeur au Domaine tudes [email protected]

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  • Eine Demokratie ist auf mndige Brgerin-nen und Brger angewiesen: Menschen, die bereit und gewillt sind, sich mit der ffent-lichen Sache auseinanderzusetzen. Gerade beim bergang von einem autokratischen zu einem demokratischen System wird deut-lich, wie Demokratie und Bildung einander bedingen und wie schwierig dieser Wechsel zu vollziehen ist. Mittels schulischer Bildung kann das Begabungspotenzial der gesamten Gesellschaft besser ausgeschpft werden. Denn vielseitige Begabungen allein reichen nicht aus. Sie mssen flchendeckend er-mglicht und gefrdert werden. Der Frei-burger Pdagoge Gregor Girard (1765-1850) hat sich diesbezglich stark engagiert. Seine wahre Bedeutung in der schweizerischen Bildungsgeschichte, aber auch fr das heu-tige Bildungswesen, haben viele noch nicht ganz erkannt.

    Was fr ein Schock! Girard erlebte im Mrz 1798 den Einfall der franzsischen Truppen in Freiburg. Die Stadt ergab sich. Die Soldaten bernahmen das Franziskaner-Kloster und bedienten sich. Sie zogen unter dem Brigadegeneral Pigeon weiter nach Neuenegg. Dort verlo-ren sie zwar die Schlacht, gewannen aber den Krieg.Kurz darauf erklrte Napoleon die Schweiz zum franzsischen Vasallenstaat und erleg-te ihr eine neue zentralistische Verfassung auf. Er importierte eine sonderliche De-mokratie. Das war der Anfang und Affront der sogenannten Helvetik (1798-1803). Die Schweiz erhielt eine neue Flagge: Trikolo-re statt Kreuz! Alles sollte verndert wer-den: das politische System, die Steuern, das Recht auf Bildung. Die meisten Menschen waren perplex. Ein Bildungsminister wurde

    ernannt. Stapfer rief dazu auf, Vorschlge auszuformulieren, wie das Bildungswesen neu organisiert werden knnte.

    Zur rechten Zeit, am rechten OrtGirard versuchte zu retten, was zu retten war. Er setzte sich hin und schrieb seinen ersten pdagogischen Text, einen Plan fr das f-fentliche Bildungswesen Projet dducation publique, 1798). Darin steht eine wichtige demokratische Forderung: jeder Gemeinde eine Schule! Nur so liess sich das Recht auf Bildung realisieren.Girard skizziert das dreigliedrige schwei-zerische Schulsystem so, wie wir es heute kennen: eine Primarschule in jeder Gemein-de, eine Sekundarschule in den grsseren Orten, die Gelehrtenschule im Hauptort des Kantons. Das mag auf den ersten Blick nicht besonders originell erscheinen. Aber das Konzept bewhrte sich. Und Girards Entwurf ging weiter. Er enthlt eine Ana-lyse, was die damalige Gesellschaft fr ein Bildungswesen braucht sowie eine Skizze der wichtigsten Lerninhalte und des F-cherkanons, der fr die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft notwendig ist. Sein Entwurf ist konkret, pragmatisch und dennoch visionr. Er baut auf einen Men-schen, der Vernunft und Glaube, Liebe und Gemeinsinn entwickelt. Der reformierte Bildungsminister Stapfer erkannte die Qua-litt des Entwurfs und holte sich den katho-lischen Girard als Mitarbeiter ins Boot.1804 die Helvetik war bereits geschei- tert ernannte die Stadt Freiburg Girard zum Leiter der Armenschule. Nun reali-sierte er, was in seinem Entwurf stand. Bis 1823 baute Girard die stdtische Knaben-schule zu einer renommierten ffentlichen Schule aus. Viele Fachleute pilgerten in

    Demokratisierung durch ffentliche BildungSeine Stunde schlug zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Als unermdlicher Anwalt der Bildung kmpfte Pater Girard fr flchendeckenden Unterricht, realisierte Visionen. Sein Credo: Keine Demokratie ohne Bildung. Beat Bertschy

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    t

    Pre GirardEn 1798, le Fribourgeois Grgoire Girard crit son premier texte pdagogique, destin au Service de lenseignement public. Il y exprime une revendication dmocratique importante: une cole par com-mune! Girard vient de tracer les grandes lignes du systme scolaire suisse tripartite: une cole primaire dans chaque commune, une cole secondaire dans les endroits plus importants, un collge dans les villes principales du Canton. Cette bauche propose galement une analyse des exigences relatives au systme ducatif de lpoque, ainsi quun abrg des principaux contenus didactiques et la liste des disciplines ncessaires au dvelop-pement dune socit dmocratique. Stapfer, le rform, alors ministre de la formation, apprcie la qualit du projet et engage Girard le catholique comme collaborateur. En 1804, la Ville de Fribourg nomme Girard di-recteur de lcole primaire. Jusquen 1823, il transforme ltablissement pour garons en une cole publique renomme et devient, en quelque sorte, le Pestalozzi fribourgeois. Beaucoup ignorent encore le rle crucial quil a jou dans lhistoire de lenseignement suisse et pour lactuel systme denseignement.

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    die Schweiz, um die Schulen Pestalozzis in Yverdon, Fellenbergs in Hofwil und Girards in Freiburg aufzusuchen.

    Lehrer aus LeidenschaftDie Schlerzahlen explodierten: statt 40 wa-ren pltzlich 400 Schler da. Und sie wollten in die Schule! Ebenso gewaltig waren die praktischen und organisatorischen Proble-me der Einfhrung des Schulobligatoriums. Aber die Eltern waren von Girards feinfhli-ger und bestimmter Art angetan. Er hatte als Anwalt der Bildung dauernd neue Ideen und Verbesserungen fr seine Schule. Er sichtete die vorliegenden Lehrmittel, suchte Pesta-lozzi und andere Fachleute auf, sammelte Lernmaterialien, entwickelte bungen und Lernaufgaben, verfasste eigene Lehrmittel, hielt Schuljahresendfeiern, die er als Bil-dungsanlsse nutzte. An den Feiern wurde gesungen, gebetet und Bestleistungen mit Preisen gewrdigt. Zudem nutzte Girard dieses Podium fr bildungspolitische Anlie-gen, die der Allgemeinheit zu Gute kommen sollten. Vor versammelter Kulisse Politiker, Behrden und Klerus waren nebst Eltern und Schlern anwesend warb er fr seine neuen Plne: Neubau eines Schulgebudes, Einfhrung einer Grammatik fr Land-schulen, die dem Umstand Rechnung trug, dass die Schler Patois sprachen, aber Schul-franzsisch lernen sollten. Die Mutterspra-che war ihm die Mutter aller Bildung, die Grammatik eine Denkschule. Die graduierte wechselseitige Methode, bei der ltere Sch-ler jngere Schlern zu bungen anwiesen, wendete er von 1816 bis 1823 an. Er setzte sich ein fr eine zweisprachige Bildung und eine strkere Gewichtung der Sekundarschule als Vorbereitung fr das Gewerbe und den Handel. Deswegen fhrte er 1819 den Eng-lischunterricht ein. Es war unglaublich: was immer Girard in die Hand nahm, es gelang.

    Opfer der BildungspolitikSeine Schler lernten lesen und verstehen, sie konnten schreiben und sprechen. Sie bten, wie man etwas knapp, aber klar dar-legt. So wie es ein Hndler im Beruf oder ein Stimmbrger an einer Versammlung tun muss. Dieser Erfolg wurde manchen un-heimlich, insbesondere den konservativen und restaurativen Krften im Kanton: Sie or-ganisierten sich und warfen Girard vor, er als Franziskaner solle sich strker fr Religion und weniger fr Grammatik einsetzen, die wechselseitige Methode verderbe die Sitten und mache die Kinder zu selbstbewusst. Ein Machtkampf war im Gange. Girard nahm in auf, rechtfertigte seine Entscheidungen und

    Anliegen. Aber er blieb suspekt: Wer Kant liest, ist liberal! Und das darf ein Franzis-kaner nicht sein. Bischof Pierre-Tobie Yenni (1774-1845), der den wechselseitigen Unter-richt zuerst gut geheissen hatte, liess ihn im Zuge des zunehmenden Einflusses der in Freiburg zurckgekehrten Jesuiten verbie-ten. Auch der Grosse Rat verbot die wechsel-seitige Methode. Das Ancien Rgime sprte: Das war eine zu demokratische Methode. Wer den muttersprachlichen Unterricht als wichtigstes Fach betrachtet, ist ein Aufkl-rer. Und wer andere erfolgreich zu eigenem Denken und ffentlichem Sprechen anregt, ist gefhrlich. Demokratie war eine Zumu-tung, Demokratisierung durch Bildung unerwnscht, denn eigenstndiges Urtei-len hinterfragt Machtverhltnisse. Die alte Herrschaft schlug mit voller Wucht zurck. Girard wurde als Anwalt der Bildung ein Op-fer der Bildungspolitik; das Grab seiner eben verstorbenen Mutter wurde geschndet.

    Girards Beharrlichkeit Girard zog nach Luzern, lieferte seinen ge-liebten Freiburger Schlern ein Geografie-Lehrmittel nach. Er arbeitete an Vortrgen fr die gemeinntzige Gesellschaft, die davon sprachen, wie man die Bildung und Lehrerbildung im Alpenland der Schweiz, also bis in die hintersten Tler, organisieren und gestalten knnte. Er beschftigte sich mit der weiblichen Bildung, die er als arg vernachlssigt betrachtete. Er schrieb Schul-gesetze fr die katholischen Kantone und versuchte so, Standards zu setzen. Bis ins hohe Alter verfolgte er sein Kernanliegen: einen Werte vermittelnden muttersprach-lichen Unterricht. Erleichtert dankt er 1844 Gott, dass es ihm vergnnt war, sein Haupt-werk, das auch sein umfangreichstes ist, als Greis zu vollenden.Demokratie und wirtschaftliche Entwick-lung sind auf Sprache und Bildung angewie-sen, auf Menschen, die ihre Stimme erheben und weitsichtig handeln, damit die Zukunft zum Wohle der Allgemeinheit gestaltet wird. Von Natur aus ist das Kind zuerst nur wie eine Pflanze, dann wie ein Tier, es muss aber zum Menschen herangebildet werden. Man muss das Licht in seinem Geist entfa-chen und dessen Herz zum Guten fhren, damit die Gesellschaft in ihm ein soziales Wesen und der Staat einen Brger vorfin-det. (Girard 1798/1950, bersetzung B.By) Diese Aufgabe bleibt. n

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    Beat Bertschy ist Lektor fr Allgemeine Didaktik am Bereich Erziehungswissenschaften. [email protected]

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    Demokratie in der (Wirtschafts-)Krise Die bevorzugte Antwort der europischen Staaten auf die globale Wirtschafts-krise war und ist eine rigide Sparpolitik. Diese Politik kann auf lange Sicht die Demokratien Europas gefhrden. Sebastian Schief & Ivo Staub

    Auch im Jahr 2014 ist die Welt noch mit den Folgen der globalen Wirtschaftskrise beschftigt, die 2008 ihren Anfang nahm. Hatte sie als Krise auf dem Immobilien-markt der Vereinigten Staaten von Ameri-ka begonnen, entwickelte sie sich schnell zu einer globalen Wirtschaftskrise, die sowohl Industriestaaten als auch Ent-wicklungslnder in Mitleidenschaft zog. In Europa wurde besonders die gngige neoliberale Kriseninterpretation, die die hohe Verschuldung von Nationalstaaten und eine geringe Produktivitt als Grn-de fr die Krise betont, in den politischen Vordergrund gerckt; andere Stimmen, die etwa die hohe Arbeitslosigkeit oder syste-mische Widersprche im demokratischen Kapitalismus betonten, fanden weniger Beachtung. Das politische Patentrezept zur Lsung der Krise in den am strksten betrof-fenen europischen Lndern war eine straf-fe Austerittspolitik, also Krzungen bei staatlichen Ausgaben und Einnahmener-hhungen sowie sogenannte wachstums-frdernde strukturelle Reformen ein Euphemismus fr den Abbau von Regula-tionen und sozialen Sicherungen. Damit soll die Wettbewerbsfhigkeit der Staa-ten gefrdert werden. Vorgeschlagene L-sungsanstze aus keynesianischen oder gar kapitalismuskritischen Positionen sties- sen nur auf geringe Aufmerksamkeit.Die europischen Staaten unterscheiden sich jedoch markant bezglich des Aus-masses der Austerittspolitik. Besonders starke Anstrengungen haben in der Zeit-periode von 2009 bis 2012 Griechenland, Portugal, Spanien, Irland, Island, aber auch Estland und Rumnien unternommen. Ty-pischerweise wurden grosse Einschnitte in der Bildungs-, Gesundheits- und Sozial-

    politik durchgefhrt. Den Gegenpol dazu bilden Lnder, die eine leicht expansive Politik verfolgten, etwa Schweden, Finn-land, Dnemark oder Bulgarien. In der Schweiz hat sich die Neuverschuldung des Staatshaushaltes in den Krisenjahren nicht markant verndert, eine Austerittspolitik wurde in der Schweiz praktisch nicht zur Anwendung gebracht. Diese Krisenpolitik ist sowohl was die Substanz der Massnah-men als auch den Prozess ihrer Durchset-zung betrifft nicht unproblematisch, denn, so unsere These, sie schdigt das Funktio-nieren der und die Zufriedenheit mit den europischen Demokratien.

    Fnfer und Weggli fr die ReichenWarum aber sollen Austerittsmassnah-men, also Ausgabensenkungen und Spar-massnahmen, die Zufriedenheit mit der Demokratie schwchen? Der demokra-tische Kapitalismus war das dominante Modell der politischen konomie in der Nachkriegszeit in weiten Teilen Europas. Die lange erfolgreiche Kombination einer demokratischen Regierungsform mit einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung wur-de sogar als Ende der Geschichte apost-rophiert. Heute stellt sich aber heraus, dass Demokratie und Kapitalismus nicht per se kongruent sind und keine natrliche Sym-biose darstellen. Wissenschaftler wie Wolf-gang Streeck, Jrgen Habermas, Erik Olin Wright oder Christoph Deutschmann fh-ren mehrere Argumente an, weshalb der gegenwrtige demokratische Kapitalismus mit der Vermittlung zwischen den Anspr-chen der Brger und den Ansprchen der Wirtschaft und von reichen Kapitaleig-nern berfordert ist. So fordern die Brger vom Staat einen gewissen Schutz gegen die

    Sur le dos des pauvresLe remde politique miracle pour r-soudre les consquences de la crise conomique globale a t une poli-tique daustrit rigoureuse, impli-quant des restrictions des dpenses publiques, des hausses dimpts, ainsi quune baisse des rglementa-tions et des assurances sociales. Ces mesures ont frapp de plein fouet non seulement la Grce, le Portugal, lEspagne, lIrlande et lIslande, mais aussi lEstonie et la Roumanie. Pour-tant, lheure actuelle, il savre que la dmocratie et le capitalisme ne concident pas per se et naffichent pas une symbiose naturelle. Ces dernires annes, lordre conomi-que a volu vers une configuration appele Etat de comptitivit: en apparence ou dans les faits, les Etats sont contraints de prouver leur sol-vabilit et leur productivit envers les marchs au dtriment de lEtat social; une tendance encore accentue par les mesures daus-trit. Ce sont les plus dmunis qui ont t touchs en premire ligne par les mesures dconomie et les drglementations. Il ne faut donc pas stonner si les taux de pauvret et de chmage ont explos dans les pays les plus atteints.

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    Unwgbarkeiten des Lebens sowie die Er-fllung ihrer zugesicherten Rechte. Dies ist fr den Staat jedoch sehr kostspielig und erfordert ein gewisses Mass an Umvertei-lung. Hingegen wnschen sich Rentiers, also Kapitalanleger, mglichst geringe Abgaben an das Gemeinwesen und mg-lichst hohe Profite, was z.B. durch schwa-che Arbeitnehmerrechte oder niedrige Umweltstandards gefrdert werden kann. Mrkte und ihre Frsprecher konnten mit der Drohung, den Staat zu bestrafen, also zum Beispiel die Produktion zu verla-gern, und konomische Dysfunktionen zu produzieren, einen grossen Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen und ihre Interessen gegen die Brgerinteressen durchsetzen. Die Wirtschaftsordnung vernderte sich in den vergangen Jahren zunehmend in eine Wettbewerbsstaat genannte Kon-figuration: Staaten sind im Wettbewerb scheinbar oder tatschlich gezwungen ihre Zahlungsfhigkeit und Produktivitt den Mrkten gegenber auf Kosten des Sozialstaates zu demonstrieren; ein Trend, welcher durch die Austerittsmassnah-men zustzlich akzentuiert wurde. So hat sich etwa die Finanzierung des Staatshaus-haltes weg von Steuern hin zu Schulden verlagert. Whrend Steuern fr die Ren-tiers eine Abgabe waren, ihren Profit also schmlerten, so sind Schulden fr sie eine zins- und gewinnbringende Investitions-mglichkeit. Gleichzeitig wurden durch die Sparmassnahmen und Deregulierun-gen die wenig Begterten und auf ihrer Hnde Arbeit oder staatliche Unterstt-zung Angewiesenen negativ betroffen. So sind denn auch in vielen der am strksten von Austerittsmassnahmen betroffenen Lnder die Armutsraten und Arbeitslosen-zahlen geradezu explodiert.

    Strassenkmpfe statt StimmrechtProblematisch ist auch die Art und Weise der Entscheidungsfindung und der Durch-setzung dieser Massnahmen, die insbeson-dere in Griechenland aber auch anderswo weite Teile der Bevlkerung in Mitleiden-schaft ziehen. Einerseits wurden viele der Massnahmen durch transnationale, resp. internationale Institutionen quasi oktroy- iert. Da Ratingagenturen den oben genann-ten Lndern weitestgehend die Kreditf-higkeit absprachen, konnten diese nur noch mit sehr hohen Zinsen Geld auf den internationalen Kapitalmrkten leihen. Dies hatte zur Folge, dass den Lndern die Zahlungsunfhigkeit drohte. Um dies zu verhindern, verhandelten sie mit der so ge-

    nannten Troika, also dem Internationalen Whrungsfonds, der EU-Kommission und der Europischen Zentralbank. Finanzielle Untersttzung fr die Krisenlnder wurde an Austerittsmassnahmen geknpft. Die nationalen Regierungen und Parlamente standen nun vor der Wahl, in die Staats-pleite zu gehen oder aber die Unterstt-zung der Troika anzunehmen und dafr die Massnahmen zu akzeptieren. Alle Ln-der, die vor dieser Entscheidung standen, gaben grnes Licht fr die Austerittspo-litik, egal welcher Couleur die Regierung war. Weite Teile der Bevlkerung in den Lndern untersttzten diesen Weg nicht, insbesondere in Griechenland kam es zu Massenprotesten. Insgesamt entstand der Eindruck, dass die Entscheidung, mit wel-chen Mitteln die Krise berwunden wer-den sollte, nicht mehr in den Hnden der Bevlkerung lag, die unter den Auswirkun-gen dieser Mittel zu leiden hatte. Wolfgang Streeck bringt das in einem seiner zahlrei-chen erhellenden Artikel zu diesem Thema zu folgender Schlussfolgerung: Where de-mocracy as we know it is effectively suspen-ded, as it already is in countries like Greece, Ireland and Portugal, street riots and popu-lar insurrection may be the last remaining mode of political expression for those devo-id of market power. Should we hope in the name of democracy that we will soon have the opportunity to observe a few more ex-amples? (Streeck 2011:28).Mittlerweile zeichnet sich diese suspen-dierte Demokratie weiter ab, allerdings sind es nicht die von Streeck beschriebenen Proteste, Aufruhre und Krawalle, die aus dieser Situation entstehen, sondern Fatalis-mus und der Verlust demokratischer Legi-timitt greifen um sich. Sollte diese strikte Austerittspolitik weiter verfolgt werden, knnte sie so zu einer ernsthaften Gefahr fr die Demokratien Europas werden. An der einen oder anderen Stelle werden nun endlich Stimmen laut, die ein Umschwen-ken hin zu verstrkten Investitionen in die betroffenen Lnder und einem Ende der rigiden Sparpolitik fordern. Ob sich diese Einsicht allerdings durchsetzen wird, steht in den Sternen. n

    Sebastian Schief ist Lehr- und Forschungsrat am Studienbereich Soziologie, Sozialpolitik und [email protected]

    Ivo Staub ist Diplomassistent am Studienbereich Soziologie, Sozialpolitik und [email protected]

    Weiterfhrende Literatur> Crouch, Colin (2011). The Strange Non-Death of Neoliberalism. Cambridge. Polity Press.> Schief, Sebastian und Ivo Staub (2013). Die Krise verstehen - Konzepte und Analysen zum besseren Verstndnis der derzeitigen Verwerfungen. Newsletter Studienbereich Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Nr. 12, 12-25.> Streeck, Wolfgang (2011). The Crises of Democratic Capitalism. New Left Review, 71, 5-29

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    On considre souvent lEglise catholique comme une forme de monarchie auto-cratique. Or, notamment depuis le Con-cile Vatican II (1965), le gouvernement ecclsial associe de plus en plus au principe hirarchique (lEglise fonde sur les aptres et leurs successeurs, les vques) les notions de synodalit (chacun-e au nom de son baptme a le droit et le devoir dexprimer son point de vue) et de communion (recherche du bien de tous, au sein de chaque Eglise locale et sur le plan de lEglise universelle). Cest dailleurs le sensus fidelium (le sens de la foi de tous les fidles) que doit servir le Magistre (le pape et les vques), comme vient de le rappeler un document de la Commission thologique internationale (Rome, 2014).

    Principe de coresponsabilitCest lun des apports les plus importants du dernier Concile: il ny a pas, dun ct, une hirarchie active, dirigeante, enseignante et, de lautre, un lacat (du grec laos, peuple de Dieu) passif, soumis et enseign. Tous les fidles participent activement, au nom de leur baptme (sacerdoce commun ou baptismal), aux trois fonctions du Christ prophte (porte-parole de Dieu), prtre (charg doffrir le monde au Pre) et roi-serviteur (au service de lunit et de la paix). Cest pourquoi, tous les baptiss sont responsables de la mission de lglise, de la catchse (annonce de la foi), de la liturgie (clbration des sacrements), du service de la justice et des pauvres (la diaconie) et de lanimation de la communaut (dans la communion).

    Structures et institutionsPour exercer cette coresponsabilit, se sont cres tous les niveaux des structures et

    institutions coloration dmocratique, qui permettent de faire entendre la voix du peuple de Dieu. Au niveau de lEglise universelle, les vques sont coresponsa- bles de lunit de lEglise avec le Souverain Pontife, qui est lvque de Rome; linstance dcisionnelle suprme de lEglise catholique est le concile, cest--dire lensemble du collge piscopal avec le pape; le synode des vques regroupe des dlgus des confrences piscopales. Franois aimerait en faire une structure permanente pour laider conduire la barque de Pierre. La curie du Vatican, compose dun certain nombre de congrgations, nest pas une lite de gouvernement entre le pape et les vques, mais un ensemble de dicastres au service du pape et du collge piscopal; dailleurs, le pontife argentin a cr un groupe de neuf cardinaux (intitul par analogie G9), avec lequel il rflchit un assouplissement du mode de fonctionnement de la curie.Au niveau des nations, chaque pays ou groupe de pays comporte une confrence piscopale, dont Franois souhaiterait renforcer le statut, pour viter une cen-tralisation excessive qui, au lieu daider, complique la vie de lEglise (cf. sa premire exhortation apostolique Evangelii Gaudium de dcembre 2013, n. 32).Au niveau diocsain, en plus de nombreuses commissions et conseils financiers (ap-pels corporations ecclsiastiques), le conseil presbytral, constitu de dlgus des prtres, lus par leurs confrres, veille avec lvque lunit du presbyterium (lensemble des prtres) et la qualit de la vie des prtres; puis le conseil pastoral dio