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DAYLIGHT & ARCHITECTURE ARCHITEKTUR- MAGAZIN VON VELUX WINTER 2008 AUSGABE 10 ERNEUERN 10 EURO WINTER 2008 AUSGABE 10 ERNEUERN 10 EURO DAYLIGHT & ARCHITECTURE ARCHITEKTURMAGAZIN VON VELUX

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  • DAYLIGHT &ARCHITECTUREARCHITEKTUR-MAGAZINVON VELUX

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    VELUXEDITORIAL

    ERNEUERN

    Städte sind wie lebende Organismen: Sie bleiben lebendig, indem sie sich ständig selbst er-neuern. So, wie die Lebensdauer des menschlichen Körpers diejenige jeder einzelnen Kör-

    perzelle übertrifft, überlebt auch eine Stadt in aller Regel ihre einzelnen Häuser und Kirchen, Wehrmauern und Fabriken. Gebäude veralten mit der Zeit, werden unbrauchbar oder ge-nügen gewachsenen Komfort- und Raumansprüchen nicht mehr. Oder sie sind schlicht nicht mehr repräsentativ genug für neue Nutzer und Nutzungen. Der Wunsch nach Neuem ist vor diesem Hintergrund nur zu verständlich. Dennoch gibt es gute Gründe, dem Ruf der Erneuerer nicht immer und ohne nachzu-denken stattzugeben. Die Instandsetzung eines Altbaus verbraucht bis zu zwei Drittel weniger Material als ein gleichwertiger Neubau – und spart damit auch entsprechende Energiemengen für Materialgewinnung und -transport, wie Thomas Lemken in seinem Beitrag für Daylight&Architecture schreibt. Außerdem besitzen gerade viele Altbauten enorme bauliche Qualitäten – sei es nun ein „Extra“ an Raumhöhe und Weite oder hand-

    werkliche Details und Zierformen, die an Neubauten nicht mehr zu finden sind. Oft genug liegen diese ästhetischen Qualitäten jedoch verborgen, und erst die Arbeit des Architek-ten holt sie zurück ans Tageslicht. Wie dies geschehen kann, beschreibt Hubertus Adam in seinem Beitrag „Mehr Raum, mehr Licht“ in diesem Heft. Doch die bestehende Bausubstanz in unseren Städten und Dörfern birgt auch eine unvergleichliche Herausforderung: Schlecht gedämmte Altbauten gehören zu den größ-ten Energieverschwendern der Menschheit. Zwar werden nur ein Prozent der Gebäude in Mitteleuropa jährlich erneuert, doch – wie David Strong in seinem Beitrag darlegt – die Gesetzgeber haben vorwiegend Neubauten im Visier, wenn es an die Festlegung von Energieeffizienz-Standards geht. In der aktuellen Ausgabe von Daylight&Architecture beschäftigen wir uns mit allen Fa-cetten der Sanierung bestehender Gebäude: ihren räumlichen Qualitäten und ihrer oft ver-

    borgenen Schönheit, den ebenso verborgenen Energie- und Materialressourcen, die in ihnen schlummern. Und mit der Frage, wie viel Erneuerung ökonomisch notwendig und wie viel ökologisch vertretbar ist. Außerdem haben unsere Autoren nachgeforscht, wie sich wan-delnde Ansprüche der Nutzer – etwa der Wunsch nach mehr Tageslicht – die Erneuerung von Gebäuden begünstigen. Auch unser Unternehmen ist aus diesem Wunsch nach Erneu-

    erung entstanden: Als Villum Kann Rasmussen vor mehr als 60 Jahren das erste zu öffnende, wind- und regendichte VELUX-Dachwohnfenster erfand, wollte er damit nicht zuletzt die zahlreichen leer stehenden Dachböden von Europas Großstädten bewohnbar machen. Die Weltreise, auf die wir Sie in diesem Heft entführen, handelt jedoch nicht nur von Dachböden: Von Liverpool über New York nach Rotterdam ist unser Fotograf Henrik Kam gereist, um Erneuerung und Verfall, Fortschritt und Stillstand zu dokumentieren. Großes haben alle drei Hafenstädte für die Zukunft vor: aus Industriebrachen, heruntergekomme-nen Arbeitervierteln oder anderen sozialen Problemzonen sollen wieder begehrte Wohnla-gen werden. Oft genug führt dies zu einem kontrastreichen Nebeneinander von Alt und Neu, wenn sich etwa gläserne Wohntürme über verfallene Industrieruinen erheben oder teure

    Lofts neben verbarrikadierten, dem Abbruch geweihten Arbeiterhäusern stehen. Dieses Nebeneinander ist jedoch nur ein natürlicher Ausdruck der ganz natürlichen Erneuerung – Zelle für Zelle, Haus für Haus – unserer Städte. Und diese hat ihre Faszination in all den Jahr-tausenden, in denen es Städte gibt, noch nicht verloren.

    Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre von Daylight&Architecture 10.

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    STILLSTAND ODER NEUBEGINN LIVERPOOLNEW YORKROTTERDAM

    Diese drei Städte hatten eine große Vergangenheit. Haben sie auch eine Zukunft? Daylight & Architec-ture hat sich in Liverpool, Rotterdam und New York umgesehen und nachgeforscht, wie dort Stadter-neuerung betrieben wird – und welche Rolle die Alt-bausanierung dabei spielt.

    JETZT

    Drei Umbauten bringen frisches Licht in alte Ge-mäuer: Pfeifer Kuhn Architekten haben die Kirche St. Augustin in Heilbronn mit einer Innenhülle aus Polycarbonat versehen, Stürm Wolf Architekten das Dach des Zeughauses von Rapperswil-Jona zu einem ‚Walfischbauch‘ emporgewölbt. Und die Phi-losophische Fakultät der New York University hat dank der Umbaupläne von Steven Holl ein ‚Rückgrat aus Licht‘ erhalten.

    MENSCH UND ARCHITEKTUR EINE FRAGE DER SUBSTANZ

    Ungefähr 75 % der Gebäudesubstanz, die im Jahr 2020 benötigt wird, sind heute bereits vorhanden. Dennoch richten die Gesetzgeber ihre Aufmerk-samkeit unter dem Schlagwort der CO2-Neutralität vor allem auf prestigeträchtige Neubauten. Dabei ist die flächendeckende energetische Sanierung von Altbauten kein Hexenwerk, wie David Strong in seinem Beitrag erläutert.

    VELUX EditorialInhaltJetztMensch und ArchitekturEine Frage der SubstanzStillstand oder NeubeginnLiverpool, New York, RotterdamLicht EuropasBroken LineReflektionenNeuer Glanz für alte Orte Tageslicht im DetailMehr Raum, mehr LichtVELUX EinblickeChimney Pot ParkVELUX im Dialog686 Lichter der ZukunftVELUX PanoramaDidden VillageBücherRezensionen

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    WINTER 2008 AUSGABE 10INHALT

    D&A WINTER 2008 AUSGABE 10

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    TAGESLICHT IM DETAIL MEHR RAUMMEHR LICHT

    Seit dem Beginn der Moderne wünscht sich der Mensch zum Wohnen vor allem zwei Dinge: immer mehr Raum und immer mehr Tageslicht. Wie diese Wünsche bei Umbauten, Anbauten und Aufstockun-gen zu erfüllen sind und zu welch außergewöhnli-chen Lösungen sie Architekten herausfordern, untersucht Hubertus Adam in seinem Beitrag.

    VELUX PANORAMA DIDDEN VILLAGE

    Nach den Kriterien der Nachhaltigkeit ist die Alt-baumodernisierung gegenüber Neubauten in fast allen Kriterien überlegen: Sie verbraucht weniger Material, weniger Energie und oft auch weniger Fläche. Umso wichtiger ist es, energetische Sa-nierungsprogramme politisch durchzusetzen und wirtschaftlich interessant zu gestalten. Thomas Lemken erläutert, wie die entsprechenden Anreiz-systeme und Informationskampagnen aussehen könnten.

    Als ,visuellen Juckreiz’ haben Kritiker den neuen Dach-aufbau von MVRDV mitten in Rotterdam bereits be-zeichnet. Das himmelblaue ‚Dorf auf dem Dach‘ gehört zum Haus des Perückenmachers Sjoerd Didden und bietet dessen beiden Söhnen neuen Wohnraum. Ge-bäude, Terrasse, Brüstungen und Mobiliar sind einheit-lich mit einer blauen PU-Schicht überzogen.

    Anfang November wurden in Venedig die Sieger des International VELUX Award 2008 gekürt. Day-light & Architecture hat mit ihnen gesprochen und dabei viel über die unzähligen Facetten des Tages-lichts erfahren, mit denen sich junge Architekten heute beschäftigen.

    VELUX IM DIALOG 686 LICHTER DER ZUKUNFT

    REFLEKTIONEN NEUER GLANZ FÜR ALTE ORTE

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    Was die Architektur bewegt: Projekte, Veranstaltungen und ausgewählte Neuent-wicklungen aus der Welt des Tageslichts.

    JETZT

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    Sanfte Lichtreflexe beleben das Kirchengewölbe von St. Augustin in Heilbronn. Die neue Innendecke besteht aus filigranen, verschraubten Stahlrohren und transluzenten Polycarbonat-Stegplatten.

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    Von Sakralbauten wird gemeinhin eine schwere, dauerhafte und feier-liche Raumwirkung erwartet – aber nichts, was an eine Industriehalle oder gar an ein Zelt erinnert. Der Umbau der Kirche St. Augustin in Heilbronn von Pfeifer Kuhn Architekten (bis 2005 Pfeifer Roser Kuhn Architek-ten) indes tut beides: Eine filigrane, fast behelfsmäßig wirkende Gitter-schale aus Stahlrohren mit einfachen, verschraubten Knoten hüllt das his-torische Kirchenschiff von innen ein. Sie ist außen mit transluzenten Po-lycarbonat-Stegplatten verkleidet, die das durch die Fenster einfallende Licht sanft streuen. Zugleich stellt sie die ursprüngliche Raumform der Kir-

    che wieder her: St. Augustin wurde 1926 durch den Architekten Hans Herkommer als hoch aufragender Natursteinbau mit Satteldach errich-tet. Die Dachkonstruktion aus Stahl-beton war dabei hinter einer inneren, gewölbeartigen Raumschale aus Holzfachwerk verborgen, die jedoch im Zweiten Weltkrieg abbrannte. In der Nachkriegszeit wurde die Kirche dann ohne Holzgewölbe wieder auf-gebaut. Später wurden auch noch die südlichen Langhausfenster zugemau-ert, um die Kirche vor sommerlicher Überhitzung zu schützen.

    Seit dem Umbau erstrahlt die Kir-che nun wieder in ihrer alten Licht-fülle. Die Südfenster wurden wieder

    geöffnet, und die Innenschale aus Polycarbonat streut das Tageslicht gleichmäßig in den Raum. Zugleich lassen die Reflexionen der zylindri-schen Pendelleuchten einen wah-ren „Glitzerhimmel“ entstehen. Der Zwischenraum zwischen alter und neuer Raumschale dient überdies als wärmedämmendes Luftpolster. Während die warme Luft aus dem Zwischenraum im Sommer direkt wieder nach draußen abgeführt wird, kann die solar erwärmte Luft im Win-ter zur Beheizung der Kirche verwen-det werden. Hierzu wird sie mittels eines Belüftungsgeräts angesaugt und in den Innenraum unter dem Po-lycarbonatgewölbe eingeblasen.

    KUNSTSTOFFZELT IM KIRCHENSCHIFF

    D&A WINTER 2008 AUSGABE 10

    Kaum wiederzuerkennen ist die Kirche St. Augustin nach ihrem Umbau: Pfeifer Kuhn Architekten haben das Gewölbedach mit den Materialien des Industrie-zeitalters neu interpretiert.

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    Das 1904 erbaute und nun von Isa Stürm Urs Wolf Architekten aus Zü-rich umgestaltete Zeughaus in Rap-perswil-Jona ist ein unprätentiöser Zweckbau mit alpenländischem Ein-schlag: Teils vergitterte Fenster, von breiten weißen Faschen gerahmt, gliedern die dunkel gestrichenen Fassaden des zweigeschossigen Bauwerks. Es diente jahrzehnte-lang als Lager für militärische Ge-rätschaften, dann als Werkstatt für örtliche Handwerksbetriebe. Seit wenigen Monaten beherbergt es nun die rund 4000 Objekte umfassende Kunstsammlung von Peter und Elisa-beth Bosshard.

    Im eingeladenen Wettbewerb für den Umbau des Lagerhauses zum Kunstmuseum setzten sich Isa Stürm und Urs Wolf 2006 unter drei Mitbe-werbern durch. Das Projekt wurde vom Bauherren „Walfisch“ genannt. Warum, zeigt ein Blick auf die unge-wöhnliche Dachlandschaft: Aus dem ganz leicht geneigten Satteldach wölben sich zwei mit Titanzink ver-kleidete „Wellenberge“ empor, die von ebenfalls wellenförmigen Ober-lichtbändern aus Polycarbonat durchbrochen werden. Sinn, Zweck und innenräumliche Wirkung dieses Eingriffs erschließen sich am deut-

    Ludwig Wittgensteins „Bemerkun-gen über die Farben“, ein Spätwerk des berühmten Philosophen, stand Pate für die Gestaltung des neuen Treppenhauses der Philosophischen Fakultät an der Universität New York. Der neue Fakultätssitz ist ein sechsgeschossiger Ziegelbau von 1890 im Stadtteil Greenwich Vil-lage. Seine großen Fenster und die Lage an einer Straßenecke prädesti-nieren ihn für Tageslichtexperimente, wie sie der mit dem Umbau beauf-tragte Steven Holl hier anstellte: Eine prismatische Folienbeschichtung an den Südfenstern bricht das Licht in regenbogenfarbige Streifen, die mit dem Lauf der Sonne durchs Treppen-haus wandern. Auch die unregelmä-ßig perforierten Stahlbrüstungen tragen mit ihren Schattenwürfen zu der abwechslungsreichen Licht-stimmung im Raum bei. Die Architek-ten vergleichen das Treppenhaus mit einem „Rückgrat aus Licht“, das die Büroräume, die Bibliothek und den 120 Personen fassenden Hörsaal im Erdgeschoss miteinander verbindet. Das Treppenhaus, so die Architek-ten, ist „nicht nur eine Metapher des Lichts zum Lernen, sondern auch ein praktischer Raum der Interaktion, in dem sich Studenten und Professoren

    LICHTWELLEN IM GEBÄLK

    lichsten im Obergeschoss des Zeug-hauses, der Ausstellungsebene. Hier gliedern 42 Holzstützen den weitläu-figen Raum. Auf die Herstellung eines neutralen, stützenfreien „white cube“ verzichteten die Architekten be-wusst: Die Kunstwerke müssen sich mit dem Bestand arrangieren und tre-ten mit diesem in Dialog. Um die Aus-stellungsflächen adäquat zu belichten, ließen die Architekten den Dachstuhl in der Raummitte anheben und ein-zelne Sparren verlängern, sodass im Aufriss wie im Grundriss sanft ge-schwungene Linien entstehen.

    Für die charakteristische Wellen-form der Oberlichter haben Isa Stürm und Urs Wolf eine einfache und doch einleuchtende Begründung: „Dies er-gibt ein natürliches Lichtspiel und schafft Möglichkeiten, Werke in un-terschiedlichen Raum- und Licht-stimmungen zu zeigen, das Licht zu modulieren.“ Um das Wechselspiel zwischen Licht und Kunst zur Geltung kommen zu lassen, reduzierten die Ar-chitekten die im Innenraum vorhan-denen Farb- und Materialkontraste des Holzwerks: Die Holzkonstruktion wurde weiß gestrichen und auf die alten Holzriemen ein sandfarbener Anhydrit-Boden gegossen.

    auf den großen Treppenabsätzen un-gezwungen begegnen können“. Zu-sätzlich zu den großen Fenstern wird das Treppenhaus über ein Oberlicht erhellt. Während dieses „Rückgrat“ des Gebäudes bis hin zu den ge-strichenen Ziegelmauern fast kom-plett in Weiß gehalten ist, wurden die Büros und Seminarräume in den Obergeschossen – auch dies eine Re-verenz an Wittgensteins Buch – in unterschiedlichen Schattierungen und Texturen von Weiß und Schwarz gestaltet.

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    DAS LICHT DER PHILOSOPHEN

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    MENSCH UNDARCHITEKTUR

    Der Mensch im Mittelpunkt der Architektur:Innenansichten einer wechselvollen Beziehung.

    EINE FRAGEDERSUBSTANZ

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    Von David Strong

    Die britische Regierung meint es ernst mit der Energieef-fizienz von Gebäuden: Ab 2016 müssen alle Neubauten in Großbritannien Nullemissionshäuser sein. In anderen europäischen Ländern sind ähnliche Maßnahmen geplant. Die Fixierung auf Neubauten birgt jedoch die Gefahr, die öffentliche Aufmerksamkeit (und die öffentlichen Gelder) von einem noch viel dringenderen Problem abzulenken: Die Energieeffizienz des alten Hausbestands muss schnell und drastisch verbessert werden.

    2006 fasste die britische Regierung einen ehrgeizigen Beschluss: Ab 2016 müssen alle neuen Wohnhäuser, ab 2019 auch alle sonstigen Neubauten CO-neutral sein. Dies hatte im ganzen Land spürbare Auswirkungen auf Immobilienbesitz und Bau-industrie. Das Nullemissionsziel rüttelte Haus- und Grund-besitzer wach und gab Anstoß zu innovativen Ideen. Ohne politischen Druck und restriktive Gesetzgebung wäre dies vermutlich nicht geschehen.

    Natürlich ist das große Interesse an nachhaltiger Bauweise eine erfreuliche Neuigkeit. Es ist sehr begrüßenswert, dass Nachhaltigkeit nun endlich ganz oben auf der politischen Tagesordnung steht. Die britische Regierung zeigt Flagge, um energieeffiziente Architektur und nachhaltige Siedlungspla-nung zu fördern, und setzt so ein vielversprechendes Zeichen. Trotzdem erkennen ernsthafte Verfechter nachhaltigen Bau-ens hierin ein gewisses Dilemma.

    Denn exemplarische Nullemissionshäuser allein lösen das Grundproblem nicht. Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Fixierung auf die CO2-Neutralität merkwürdige Blüten treibt und der Nachhaltigkeit unbeabsichtigterweise eher schadet als nützt. Kurzum: Man will das Beste und vergisst das Gute.

    Die britische Regierung verlangt, dass alle neu gebauten Wohnhäuser ab 2016 dem höchsten Standard (Level 6) des Code for Sustainable Homes entsprechen. Angesichts der benötigten Zeit für Planung, Konkretisierung und Finanzie-rung solcher Häuser müssen Hausbauer und Architekten bis 2012 dementsprechende Lösungen gefunden haben. Es blei-ben also drei Jahre Zeit, im sozialen Wohnungsbau sogar noch weniger. Hier müssten durchschnittliche Neubauten eigent-lich heute schon Level 3 oder 4 entsprechen.

    Schnell wird so die irrige Botschaft vermittelt, dass Neu-bauten des Levels 6 unser aller Allheilmittel sind. Weit gefehlt. Wenn wir Nullemissionshäuser des Levels 6 unter Rückgriff auf unerprobte oder riskante Technologien bauen, die unwirt-schaftlich im Unterhalt sind, in Überschwemmungsgebieten gebaut werden, im Sommer überhitzen und eine schlechte Akustik, eine schlechte Raumluftqualität oder andere Män-gel haben, können wir uns zu einer ganzen Generation kaum bewohnbarer Häuser gratulieren. So sieht ‚wahre Nachhal-tigkeit‘ gewiss nicht aus.

    CO2-Neutralität ist kein AllheilmittelUm den CO-Ausstoß des gesamten Gebäudebestands zu sen-ken, ist eine dreigleisige Strategie erforderlich. Erstens muss das Stromversorgungsnetz von fossilen Energieträgern unab-hängig werden. Zweitens müssen bei Neubauten Niedrig- oder Nullemissionshäuser gefördert werden. Und drittens bedarf es eines koordinierten landesweiten Plans, um die Emissions-werte des Altbaubestands radikal zu verbessern.

    Die von der britischen Regierung in diesem Sommer ver-kündete Renewable Energy Strategy ist sehr hilfreich für den ersten Punkt und bringt uns einen großen Schritt voran in Richtung eines niedrigeren CO-Ausstoßes. Initiativen wie der Code for Sustainable Homes und Zielvorgaben wie CO-neu-trale Neubauten sind wichtig für den zweiten Punkt. Doch wie begegnen wir dem dritten Punkt? Leider haben wir immer noch keine kohärente und effektive Strategie gefunden, wie wir mit dem enormen Energieverbrauch unserer alten Häu-ser umgehen sollen.

    Warum ist dies so wichtig? Gehen wir davon aus, dass 70 der Gebäude, die in Großbritannien im Jahr 2050 exis-tieren werden, heute bereits gebaut sind: die meisten Häuser, in denen wir auch noch in 20 Jahren wohnen werden, sind schlecht gedämmt und verfügen weder über Heizsteuerungen noch über andere Energiesparmaßnahmen – und das lässt uns im europäischen Vergleich ganz schlecht aussehen.

    Schon lange haben wir erkannt: Die Verbesserung der Energieeffizienz bestehender Gebäude ist die billigste, sau-berste und sicherste Methode, um Kohlendioxid einzusparen. Der Hauptgrund dafür ist, dass Altbauten nicht den moder-nen Bauvorschriften entsprechen, weil sie zu einer Zeit geplant und gebaut wurden, als Nachhaltigkeit und Energieeffizienz noch keine Rolle spielten.

    Natürlich geht es bei der CO-Einsparung in erster Linie um das Aufhalten der Erderwärmung, aber wir dürfen auch nicht die direkten Vorteile energieeffizienterer Altbauten aus dem Auge verlieren, insbesondere die Bekämpfung der Ener-giearmut. Diese durch hohe Energiekosten verursachte Armut ist ein altbekanntes Problem, von dem vor allem ältere Men-schen oder sozial schwache Gesellschaftsgruppen betroffen sind.

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    Weniger ist oft mehr: Wo Städte schrumpfen, wie in Ost-deutschland, müssen sinnvolle Nachnutzungen für die überdi-mensionierten Altbauten gefun-den werden. Das Büro Stefan Forster hat hierbei im thüringi-schen Leinefelde Wegweisen-des geleistet und wurde unter anderem mit dem ‚World Habitat Award‘ ausgezeichnet.

    Energiearmut ist nicht leicht zu beheben, da sie durch eine Viel-zahl wirtschaftlicher und sozialer Faktoren verursacht wird. Zu viele Menschen müssen immer noch weit mehr als 10 % ihres Einkommens für Heizkosten aufbringen, einige müssen gar zwischen Heizen und Essen abwägen. Nach dem jüngs-ten Anstieg der Energiepreise werden schätzungsweise bis zu 6 Millionen Menschen in Großbritannien von dieser Art der Armut betroffen sein.

    Ein wirksamer Langzeitplan zur Verbesserung der Ener-gieeffizienz von Altbauten (ergänzt durch ein geeignetes Pro-gramm zur Förderung erneuerbarer Energien) wird daher nicht nur dazu beitragen, die Zielvorgaben der Regierung zu CO-Emissionen zu erreichen, sondern auch beträchtliche soziale Vorteile haben.

    Die besten Lösungen sind effizient und einfachÜber die notwendigen Maßnahmen besteht weitgehend Kon-sens, insbesondere infolge der neuen EU-Direktive zur Energie-effizienz von Gebäuden. Sie sieht vor, anhand eines speziellen Energiebewertungs- und Zertifizierungssystems Energiever-bräuche transparent zu machen und besonders kosteneffektive Energiesparmaßnahmen in Gebäuden zu belohnen.

    Technisch gesehen sind die effektivsten Verbesserungen energieineffizienter Gebäude im Allgemeinen sehr einfach und risikofrei, zudem kosteneffizient und problemlos umzu-setzen. Hierzu gehören eine bessere Wärmedämmung (von Dachböden, Wänden, Fußböden, Tanks und Rohren), Luft-durchlässigkeitstests, Zweit- und Doppelverglasung, Boiler und Armaturen der Effizienzklasse A, verbesserte Heizsys-teme, erweiterte Kontrollsysteme und effiziente Beleuchtung. Auch Technologien wie Solar-Heißwasseranlagen und Erd-wärmepumpen bieten innovative Lösungen, und öffentliche Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen versprechen höchst kos-teneffiziente Verbesserungen in großem Umfang.

    Auch die Maßnahmen, mit denen sich die ökologische Sanierung und Nachrüstung von Altbauten fördern lässt, sind bekannt. Nötig sind Maßnahmenpakete aus Gesetzen und finanziellen Anreizen in Verbindung mit effektiven Informa-tionskampagnen. Mögliche Optionen sind Steuervergüns-tigungen sowie direkte finanzielle Fördermaßnahmen, um die Umsetzung der in den britischen Gebäude-Energiepässen

    Energy Performance Certificate (EPC) oder Display Energy Certificate (DEC) vorgeschlagenen Sanierungsmaßnahmen zu belohnen.

    Wünschenswert wäre bei der nächsten Überarbeitung der EU-Direktive die Einführung einer Vorschrift, die das Aus-hängen von DECs in allen Geschäftsbetrieben wie großen Supermärkten und Hotels zur Pflicht macht. So ließe sich ein Anreiz für die Verbesserung der Energieeffizienz auch im Dienstleistungssektor bieten. Zudem sollten Bauherren bei Ausbau- oder größeren Umbauarbeiten dazu verpflichtet wer-den, gleichzeitig die Energieeffizienz des betreffenden Gebäu-des zu erhöhen.

    Wir bei Inbuilt arbeiten mit unseren Kunden zusammen, um unsere Abhängigkeit von energieintensiven Systemen zu ver-ringern. Die Natur bietet vielfältige Möglichkeiten, um unsere Häuser zu belüften, zu erwärmen, zu kühlen und zu beleuchten. Auf komplizierte technische Anlagen kann sowohl in Neubau-ten als auch bei Sanierungsprojekten oftmals verzichtet werden. Wir legen Wert auf möglichst einfache Energieanlagen und -aus-rüstung. Komplizierte Technik zu vermeiden ist nicht immer einfach, aber unsere Erfahrung zeigt, dass genau dies häufig der Schlüssel für komfortable und gleichzeitig wirtschaftliche Lösungen mit niedrigen Emissionswerten ist.

    Zudem weichen die tatsächlichen Energieverbräuche von Gebäuden aufgrund des unterschiedlichen Nutzerverhaltens häufig entschieden von den vorher ermittelten Rechenwerten ab. Klare und aktuelle, für jedermann einsehbare Informati-onen in den Häusern über Emissionswerte und laufende Kos-ten würden viele Bewohner veranlassen, ihren Verbrauch zu reduzieren.

    Um den CO-Ausstoß des Altbaubestands wirksam zu reduzieren, bedarf es der konkreten Planung und gesicher-ten Finanzierung erneuerbarer Energiesysteme in großem Maßstab. Beide Maßnahmen werden bezogen auf das inves-tierte Kapital pro eingesparter Tonne CO viel schnellere und effektivere Ergebnisse zeigen als das Vorhaben, zukünftig nur noch Nullemissionshäuser zu bauen. Unsere Regierung hat mit ihren Vorschriften für Neubauten einen wichtigen Schritt getan. Nun gilt es, eine ebenso klare Strategie für Altbauten festzulegen. Die folgende Liste könnte einen Anhaltspunkt hierzu geben.

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    Rückbau eines Wohnblocks in Leinefelde, D

    Architekten: Stefan Forster Architekten, Frankfurt/Main

    Standort: Goethestraße 25-31, Leinefelde

    Wohnfläche: 1580 m²

    Fertigstellung: 2003

    Bauherr: LWG, Leinefelde

    Weniger (und größere) Wohnungen, aber mehr privater Raum im Freien: Nach diesem Prinzip verfuhren Stefan Forster Architekten auch beim „Haus 4“ in Leinefelde. Die Gebäudehöhe wurde von fünf auf dreieinhalb Geschosse redu-ziert, die Eingänge wurden auf die Hofseite verlegt und die Grundrisse völlig neu geordnet. Die obersten Wohnungen erhielten große Dachterrassen, die übrigen tiefe Balkone.

    Stadtvillen in Leinefelde-Worbis, D

    Architekten: Stefan Forster Architekten, Frankfurt/Main

    Standort: Einsteinstraße 11–25, Leinefelde

    Wohnfläche: 4200 m²

    Fertigstellung: 2004

    Bauherr: WVL Wohnungsbau-Verwaltungs-GmbH, Leinefelde

    Der 180 Meter lange Wohnblock in Leinefelde war nicht mehr vernünftig zu nutzen. Stefan Forster Architekten zerlegten ihn daher in acht einzelne, je vier-geschossige Stadtvillen. 90 Wohnungen fielen diesem Schritt ‚zum Opfer‘. Die noch verbliebenen sind jedoch weitaus hochwertiger und großzügiger als zuvor. Sie entsprechen damit dem Motto der Architekten: ‚Qualität durch Schrumpfung‘.

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    Fort Dunlop, Birmingham, GB

    Architekten: shedkm architects, Liverpool

    Standort: Fort Parkway, Birmingham

    Nutzfläche: 31,000 m²

    Fertigstellung: 2004

    Bauherr: Urban Splash, Manchester

    Das frühere Reifenlager des Herstellers Dunlop war Bestandteil eines auch „Tyre Town“ genannten Gebäudekomplexes. 20 Jahre stand es leer, bevor der Investor-Urban Splash hier das größte durch einen Investoren finanzierte britische Bü-rohaus außerhalb von London realisierte. In einem schlanken, scheibenförmigen blauen Anbau ist ein Hotel mit 100 Zimmern untergebracht.

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    Lister Mills, Bradford/Yorkshire, GB

    Architekten: David Morley Architects, London

    Standort: Lilycroft Road, Bradford

    Nutzfläche: 13,500 m²

    Fertigstellung: 2013 (planned)

    Bauherr: Urban Splash, Manchester

    Die britische ‚Times’ bezeichnete die einst weltgrößte Seidenweberei in Brad-ford nach ihrer Fertigstellung als „genauso atemberaubend wie Versailles“. Der fast 10 Hektar große Gebäudekomplex aus dem Jahr 1873 wird derzeit von Urban Splash zu Wohnungen, Büros und Läden umgebaut. Die Dachauf-bauten mit 24 Maisonnette-Wohnungen sind von Garnspulen inspiriert, wie sie bei der Seidenverarbeitung verwendet wurden.

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    Tipps zur Energieeinsparung in AltbautenDas perfekte ‚Verbesserungspaket‘ für jedes Wohn- oder Geschäftshaus hängt natürlich von dessen Alter, Konstruk-tion, Erhaltungsqualität und Nutzung ab. Dennoch sind fol-gende Ratschläge für alle gültig, die ihren Energieverbrauch einfach und kosteneffektiv senken möchten:

    . Innovation durch Information – Mieter in oder Eigentümer von alten Häusern müssen von Beginn an zu Rate gezo-gen werden. Keine noch so imposante ‚technische Zaube-rei‘ wird zu einer nachhaltigen Zukunft führen, wenn sie den Nutzern nur aufgebürdet wird.

    . Augen auf für lokale Initiativen – Es gibt viele Möglich-keiten, den alten Hausbestand mit lokalen Niedrig- oder Nullemissionsneubauprojekten zu verbinden, um von neuen Technologien wie Kraft-Wärme-Kopplungssyste-men (CHP) zu profitieren. Lokalen strategischen Part-nerschaften und regionalen Entwicklungsgesellschaften kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu.

    . Zukunftsorientiert denken – Sich kurzsichtig auf schnelle Maßnahmen und Ziele zu fixieren, bringt oft nicht viel und kann für umfangreiche langfristige Verbesserungen eher kontraproduktiv sein. Eine Kampagne zur Installa-tion von Gasbrennwertkesseln im Jahr macht zum Beispiel wenig Sinn, wenn für Abwärmeleitungen geplant sind. Solche ‚Schnellschüsse‘ machen spätere Ver-änderungen in den nächsten bis Jahren unwahr-scheinlich.

    . Gemeinsam sind wir stark – Sanierungen mit wirklich geringem Kohlenstoffausstoß erfordern sowohl weit-reichende Veränderungen in der Bausubstanz als auch Niedrig- bzw. Nullemissionstechnologien in der Gebäu-detechnik. Die Installation und Auftragsvergabe solcher Systeme im Alleingang kann kontraproduktiv sein; wir-kungsvoller sind Komplettsanierungen von ganzen Gebäu-den oder Straßenzügen, um die finanzielle Belastung zu senken und Gemeinschaftssinn nach dem Motto ‚Kurz-fristiges Leid, aber Gewinn auf lange Zeit‘ zu fördern.

    . Minimale Schritte zum maximalen Erfolg – Die Zurschau-stellung erneuerbarer Energietechnologien an Gebäuden mag einem öffentlichkeitswirksamen Bekenntnis zur Umwelt

    gleichkommen, sollte aber eigentlich nur der letzte Schritt in jedem Umweltprojekt sein. Die Verbesserung der Gebäu-desubstanz zur Reduzierung von Wärme- und Luftverlus-ten ist besonders wichtig, um den Brennstoffverbrauch zu senken und dadurch die finanziellen Mittel für erneuerbare Energietechniken bereitzustellen.

    . Es geht nicht nur um Wände und Boiler – Die unmittel-bare Umgebung eines Gebäudes kann signifikante Aus-wirkungen auf den eigenen Energieverbrauch haben. So kann die Umwandlung von Parkplätzen in Grünflächen mit Abstellplätzen für Fahrräder durchaus vielen Bewoh-nern den Anstoß geben, öfters auf das Auto zu verzichten. Kombiniert mit Energiekontrollsystemen, die auch aktu-elle Informationen zum öffentlichen Transportverkehr lie-fern, fördert dies das allgemeine Umweltdenkend.

    . Langfristig denken – Raffinierte Dämmtechniken bergen die Gefahr unerwünschter Nebeneffekte. Beispiel hierfür sind gedämmte, innere Vorsatzschalen (zum Beispiel aus Gipskarton) bei Massivbauten. Sie sollen Wärmeverluste reduzieren, isolieren jedoch auch die thermische Masse der Außenwände vom Innenraum und begünstigen dadurch eine Überhitzung der Räume im Sommer.

    . Alte Häuser ticken anders – Traditionelle Bautechniken und Materialien basieren auf dem Prinzip der Dampfdurchläs-sigkeit zur Absorption und Regulierung von Feuchtigkeit. Die unbedachte Installation moderner Hochleistungs-materialien kann Schäden in der Bausubstanz ungewollt beschleunigen.

    . Geld regiert die Welt – Das ist so, ob es uns nun gefällt oder nicht. Ohne deutliche finanzielle Anreize wie Steuerver-günstigungen, zinslose Darlehen oder garantierte zukünf-tige Energiepreise werden viele glauben, dass die Regierung wieder einmal dem kleinen Mann in die Tasche greift, anstatt große Industriebetriebe zur Kasse zu bitten.

    . Wer hat das Licht ausgemacht? – Aufgrund des Verhal-tens der Bewohner übersteigt der Energieverbrauch eines Gebäudes oftmals die Planvorgaben. Deutliche und aktu-elle Informationen über den CO-Ausstoß und die hiermit verbundenen Kosten können jeden Bewohner veranlassen, den eigenen Verbrauch zu reduzieren.

  • 15

    VON STERNEN UND FARBENDer Code for Sustainable Homes misst die Nachhaltigkeit eines Neubaus in neun Kategorien: Energieverbrauch und CO2-Ausstoß, Verschmutzung, Wasserqualität, Gesundheit und Wohlbefinden, Materialien, Gebäudemanagement, Oberflächenwas-serabführung, Ökologie und Abfallerzeugung. Mit einem Bewertungssystem von 1-6 Sternen werden sowohl die in jeder Kategorie erzielten Einzelergebnisse als auch die gesamte nachhaltige Leistung jedes Gebäudes beurteilt. Ein Stern (́ ) entspricht dem Mindestniveau, das die gültigen Bauvorschriften überschreitet; sechs Sterne (́ ´´´´´) sind das Optimum und zeichnen beispielhafte nachhaltige Entwick-lungen aus. In einigen Kategorien müssen Mindestanforderungen erfüllt werden, um für das Gebäude als Ganzes einen Stern (́ ) für Nachhaltigkeit zu erlangen. Abgese-hen hiervon ist die Auszeichnung völlig flexibel: Jeder Bauunternehmer kann wählen, welche und wie viele Normen er umsetzen möchte, um ‚Punkte zu sammeln‘ und eine Höherstufung zu erreichen.

    Energy Performance Certificates (EPC ś) sind seit Oktober 2008 für alle Häuser in Großbritannien Pflicht. Diese Energiezertifikate müssen bei Kauf, Verkauf oder Ver-mietung jedes Gebäudes ausgestellt werden. Sie weisen den Energieeffizienzwert eines Hauses anhand einer Klassifizierung von A (Rot) bis G (Grün) nach, die an das bereits praktizierte ‚Energie-Rating‘ von Haushaltsgeräten erinnert. Jedem EPC ist ein Emp-fehlungsbericht mit Maßnahmen (z. B. Niedrig- oder Nullemissionssysteme) zur Redu-zierung des Energieverbrauchs beigefügt. Eine Zweitbewertung im Zertifikat gibt an, welche Zielwerte bei Umsetzung aller Empfehlungen zu erreichen wären.

    Display Energy Certificates (DEC ś) sind Energiezertifikate für öffentliche Gebäude, die sichtbar anzubringen sind und den tatsächlichen Energieverbrauch eines Gebäudes sowie die entsprechende Effizienzklasse nachweisen. Der ermittelte Wert basiert auf dem gemessenen Gas- und Stromverbrauch sowie sonstigen Verbrauchswerten des betreffenden Gebäudes. Neuerdings sind Display Energy Certificates in Großbritannien für alle Gebäude mit einer Nutzfläche von mehr als 1000 m2 Vorschrift, die von öffent-lichen Behörden oder Institutionen mit regem Publikumsverkehr genutzt werden.

    Renewable Energy Strategy: 2007 vereinbarten die EU-Mitgliedstaaten, dass bis 2020 20 % der in der EU genutzten Energie aus erneuerbaren Quellen stammen muss. Für den Transportsektor lautet die Zielvorgabe 10 %. Die Werte für die einzelnen Mit-gliedsstaaten sind unterschiedlich: Großbritannien etwa hat sich verpflichtet, bis 2020 15 % des landesweiten Energiebedarfs (und somit ein Zehnfaches mehr als derzeit) aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, hat die britische Regierung für das Frühjahr 2009 eine neue Strategie zur Förderung erneuerbarer Energie (Renewable Energy Strategy) angekündigt.

    Dr David Strong ist Vorstandsvorsitzender von Inbuilt, einem führenden Beratungs-unternehmen in Großbritannien, das ausschließlich auf nachhaltige Bauweise von Häusern, öffentlichen Gebäuden und Gemeinden spezialisiert ist. Als Gründer des UK Green Building Council wurde er 2007 mit dem Sustainability Leadership Award aus-gezeichnet. www.inbuilt.co.uk

    Biotürme in Lauchhammer, D

    Bauherr: Biotürme Lauchhammer gGmbH, Lauchhammer

    Architekten: Zimmermann und Partner, Cottbus

    Standort: Lauchhammer

    Fertigstellung: 2008

    In den sogenannten ‚Biotürmen‘ im thüringischen Lauchhammer wurden einst die Abwässer einer Kokerei geklärt. Nach deren Stilllegung 1991 waren sie der einzige Bestandteil der Industrieanlage, der vom Abriss verschont blieb. Jetzt wurden die 22 Meter hohen, zu sechs Vierergruppen zusammengefass-ten Schlote denkmalgerecht saniert und mit einer gläsernen Aussichtskanzel versehen. Sie sollen künftig als Veranstaltungsort genutzt werden.

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  • 1616 D&A WINTER 2008 AUSGABE 10

    ERNEUERN Die Renaissance unserer Städte:Eine Weltreise in drei Stationen

    STILLSTAND ODER NEUBEGINN

  • LIVERPO17

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    18 D&A WINTER 2008 AUSGABE 10

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  • ROTTERDA20 D&A WINTER 2008 AUSGABE 10

  • AM21

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    Die Zeit des ‚urban sprawl‘ ist noch nicht ganz vorbei, doch die interessantesten Wohnbauprojekte finden längst wieder in den Innenstädten statt. Urbane Brachen, aufgelassene Hafengebiete, ehemalige Fabriken, Schulen und Verwaltungsgebäude bergen große Potenziale für neuen Wohnraum. Doch allzu leicht gerät die Frage aus dem Blickpunkt, wer in die alt-neuen Wohnungen eigentlich einziehen soll: Nur eine gesunde Mischung der Wohnungsgrößen, Altersgruppen und sozialen Schichten trägt wirklich zu einer nachhaltigen Belebung der Städte bei. Welchen Mechanismen ist die Stadterneuerung unterworfen, welche Kräfte wirken auf sie ein? Daylight & Architecture ist diesen Fragen in Liverpool, Rotterdam und New York nachgegangen. Dabei zeigen sich Parallelen zur derzeitigen Situation in der Welt-wirtschaft: Städte, die Wert auf eine behutsame Entwicklung und auf eine kulturelle und soziale Diversi-fizierung legen, können in Boom-Zeiten weniger mit spektakulären Projekten glänzen. Doch sie erweisen sich in schlechten Zeiten auch als krisenfester.

    Fotos von Henrik KamEinleitung von Jens KvorningLiverpool: Joseph SharplesNew York: Thérèse BalduzziRotterdam: Anneke Bokern

  • 22 D&A WINTER 2008 AUSGABE 10

    Veränderungen anzupassen. Doch bei Archigram wird diese Stadt zu einer riesigen Megastruktur auf Stelzen, die sich bewegt.

    Etwas böswillig und auf eine der ursprünglichen Intention zuwider-laufende Weise interpretiert, die für die 60er-Jahre nicht in Frage käme, könnte man sagen, dass wir hier das Bild einer Gesellschaft vor Augen haben, die sich so einrichtet, dass man sich, wenn die Ressourcen an einem gegebenen Ort aufgebraucht sind – seien es Naturressourcen oder Erleb-nisressourcen – an einen anderen Ort begibt, um auf ebendiese Weise fort-zufahren.

    Damit lenken wir den Blick auf einen anderen Aspekt der aktuellen Tagesordnung. Anpassungsfähig-keit und die Bereitschaft zur Verän-derung sind durchaus wichtig, wenn wir von Städten reden. Doch ein ver-antwortungsvoller Umgang mit un-seren Natur- und Kulturressourcen ist entscheidend für unser Überle-ben. Wie müssten wir unsere Städte und Gebäude betreiben, um diese durch Globalisierung und Ressour-cenproblematik gestellte doppelte Aufgabe zu erfüllen – und ist beides überhaupt zeitgleich zu leisten? Hinzu kommt die Frage, welche Stadtstruk-turen Veränderungen am leichtesten aufnehmen können. Die nach Funkti-onen gegliederte Stadt der Moderne mit unterschiedlichen Bereichen zum Wohnen, Arbeiten und für die Freizeit galt als Antwort auf diese Forderung, weil sich jede Funktion frei und damit ihrer eigenen Logik gemäß entwi-ckeln konnte. Heute zeigt es sich, dass diese spezialisierten Stadtteile ungeheuer statisch sind und es sehr schwer haben, Veränderungen und insbesondere neuen Funktionsmi-schungen Raum zu geben. Sie legen vielmehr bestimmte Formen und Ab-läufe des täglichen Lebens fest und konservieren diese.

    Kurze Zeit nach dem Großen Brand von London im Jahr 1666 meldete sich die gebildete Elite der Stadt zu Wort. Sie präsentierte ihre Vor-schläge, wie London wieder neu ge-schaffen werden könnte, als eine völlig andere Stadt, basierend auf den Ideen der späten Renaissance und des frühen Barock, klar hierar-chisch gegliedert und mit großen Achsen und zentralen Punkten ver-sehen.

    Das erzürnte Bürgertum Lon-dons wies jedoch die Vorschläge Wrens und Evelyns zurück und ver-langte stattdessen, seine Häuser auf den bereits bekannten Grundflächen wieder errichten zu dürfen. Wohl war es ein neues London, das nach dem Brand aufgebaut wurde, also eine Stadt aus neuen Häusern, aber die grundlegende Struktur der Stadt wurde dabei nicht verändert.

    Gleiches geschah nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Architekten und Stadtplaner der Moderne hat-ten in den Jahren um 1920 und 1930 für einen Neubeginn gekämpft, der die traditionelle Stadt mit ihren Stra-ßen und Plätzen hinter sich ließ. Die Kriegszerstörungen in vielen großen Städten Europas hatten während des

    Krieges den für diesen Neubeginn nö-tigen Raum geschaffen. Aber die Bür-ger der zerbombten Städte leisteten auch diesmal enormen Widerstand. Sie wollten den Wiederaufbau der Stadt so, wie sie sie kannten. Le Cor-busier hatte in den 20er-Jahren auf einer seiner Skizzen zur Totalerneu-erung des Zentrums von Paris sar-kastisch notiert: „L’academisme dit non“ – womit er zu verstehen geben wollte, dass es seiner Auffassung nach nur eine konservative akade-mische Gruppe mit zu viel Einfluss war, die seine Visionen nicht verste-hen konnte. Die Kräfte, die ernsthaft als Träger der neuen Zeit in Betracht kamen, verstanden ihn seiner Mei-nung nach dagegen gut – sie kamen bloß nicht zum Zuge.

    Die Nachkriegszeit und der Widerstand gegen das NeueIn den 60er-Jahren wiederholte sich die Geschichte nochmals in Verbindung mit umfangreichen Sa-nierungsprojekten, die in fast allen großen europäischen Städten an-standen. Diese Projekte basierten auf einer pragmatischen Variante der Städtebauvisionen der Moderne. Sie kollidierten mit dem gleichen Wi-

    derstand und den gleichen Forderun-gen wie diese, änderten aber nichts an der Situation der bereits vorhan-denen Stadtteile.

    Wir blicken also auf eine lange Tradition zurück, was die Wieder-verwendung städtischer Strukturen anbelangt. Häuser werden ausge-tauscht und die Bebauung erneuert, während sich die Gesamtstruktur der Stadt nur langsam ändert. Aller-dings gilt diese Feststellung nur, so-lange wir europäische Städte – und zwar die zentralen Teile europäischer Städte – betrachten.

    In amerikanischen oder gar asi-atischen Städten sieht die Sache vollkommen anders aus. Bei den radikalsten Beispielen findet in jeder Generation ein Neubeginn statt, der sich in einer grundlegen-den Änderung der zentralen Stadt-teile ausdrückt. Die amerikanischen und asiatischen Städte gelten weit-hin als Ausdruck der Globalisierung und ihrer Dynamik, während sich in den europäischen Städten – so diese Lesart – eine Kultur manifestiert, die nicht mehr Schritt halten kann.

    Wie Städte beweglich bleibenWenn wir uns darüber einig sind, dass die Globalisierung und der Übergang von der Industriegesellschaft zur In-formationsgesellschaft ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Mobilität erfordern, dann wird die Untersuchung interessant, wie diese erforderliche Anpassungsfähigkeit mit den städtischen Strukturen ver-bunden ist.

    Ein markantes Bild davon, wie diese Frage früher beantwortet wurde, können wir in Archigrams „Moving Ci-ties“ finden. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass eine gewaltige ge-sellschaftliche Dynamik unablässige Veränderungen erfordern würde. Ar-chigrams Antwort war, dass sich die Stadt bewegen muss, um sich diesen

    Neubau und Flächensanierung oder behutsame Erneuerung des Bestehenden? Vor dieser Alternative stehen Architekten und Stadtplaner, seit es Städte gibt. Der Traum der Moderne vom radikalen Neuan-fang ist geplatzt. Nun muss sich die Planung in Europa neuen Leitbildern zuwenden, die die Vorzüge der traditionellen Stadt – allen voran ihre Dichte und ihre Funktionsmischung – erhält und dennoch eine stän-dige Erneuerung der Städte möglich macht.

  • 23

    Neue Leitbilder: Funktionsmischung und DichteWenn wir einige der dichten, tradi-tionellen Stadtteile betrachten, so sehen wie ein Bild, auf dem Woh-nungen und unterschiedliche Er-werbs- und Kulturfunktionen dicht miteinander verwoben sind, und wo es ständig zu Verschiebungen und neuen Interaktionen kommt. Das gibt diesen Stadtteilen eine aus-geprägte kulturelle und soziale Dy-namik sowie einen hohen Grad an Anpassungsfähigkeit.

    Selbstverständlich können wir auch neue Städte mit einem hohen Grad an Funktionsmischung bauen, die besser funktionieren als die nach Funktionen gegliederten Städte der Moderne. Dennoch wird die Wie-derverwendung alter Stadtgebiete immer eine zusätzliche Dimension an Komplexität besitzen. Der Grund hier-für liegt in der zeitlichen Dimension. In den alten Stadtteilen stehen Gebäude aus vielen verschiedenen Epochen mit vielen unterschiedlichen Raum-typen, mit Wohnungen in vielen un-terschiedlichen Preisklassen und mit einem funktionalen und symbo-lischen Wert, der viele verschiedene Arten von Erlebnissen und Aktivitä-ten unterstützt.

    Auch in Bezug auf ein größeres Ressourcenbewusstsein und einen niedrigeren Energieverbrauch schä-len sich einige Gemeinsamkeiten und wesentliche Positionen heraus. Für die meisten Experten ist die Dichte der Stadt ein entscheidender Parameter. Sie hat zur Folge, dass wir den priva-ten Autoverkehr reduzieren und den öffentlichen Nahverkehr sowie Fuß-gänger- und Fahrradverkehr fördern können. Eine ebenso große Bedeu-tung kommt dem Energieverbrauch der Gebäude zu. Viele zeitgenössische Planungskonzepte fordern daher, als Antwort auf die Herausforderungen völlig neue, dichte Städte mit ener-

    gieeffizienten Gebäuden zu bauen. Verweist dies nun auf einen neuen Typ des Neuanfangs oder eher auf eine neue Art der Wiederverwendung des Bestands? Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. In Asien etwa werden ständig völlig neue Städte ge-baut, und es macht in diesen gewalti-gen Umbildungsprozessen wenig Sinn, sich auf den Erhalt kulturhistorischer Werte zu fokussieren.

    Konzentrieren wir uns jedoch auf die europäischen Städte, sieht die Si-tuation ganz anders aus. Hier ist das Neubauvolumen im Verhältnis zur Größe der Städte so begrenzt, dass die pragmatische Antwort auf unsere doppelte Herausforderung – Dynamik der Globalisierung und Ressourcen-problematik – notwendigerweise die Wiederverwendung sein muss. Ge-nauer: Wiederverwendung in einer Form, die die bereits gebauten Teile der Städte für die Herausforderun-gen ertüchtigt, denen wir gegen-überstehen.

    Soziale Vielfalt ...Wir sollten uns auch vor Augen hal-ten, dass die Stadt in der Lage sein muss, höchst unterschiedlichen sozi-alen und kulturellen Gruppierungen Raum zu geben. Dies ist eines der zen-tralen Kriterien für Städte, die sich den Anforderungen der Globalisierung ge-wachsen zeigen.

    Es geht darum, sowohl unter-schiedlichen Lebensformen und Funktionen als auch verschiedenen Symbol- und Auslegungswelten Raum zu bieten. Diese Anforderun-gen kann die neue, „aus einem Guss“ gebaute Stadt nur äußerst schwer erfüllen. Daher ist die Wiederver-wendung dichter Stadtgebiete für die europäischen Städte im globalen Städtewettbewerb von entscheiden-der Wichtigkeit.

    Doch bei der Wiederverwendung geht es nicht nur um Konservierung.

    Sondern um eine konstante Neuin-terpretation dahingehend, wie die Strukturen, Räume und Gebäude der Stadt für neue Zwecke genutzt werden können, welche dann neue Überlappungen, neue Synergien und neuen kulturellen Austausch schaf-fen. Es geht darum, ständig Modelle dafür zu entwickeln, wie Stadtge-biete und Gebäude, die ihre ursprüng-liche Funktion verloren haben, auf neue Weise in die Stadt integriert werden können. Es geht darum, so-wohl an der schnellen als auch an der langsamen Umbildung der Städte zu arbeiten, Platz zu schaffen für sowohl Mainstream als auch alternative Kul-turen. Es geht darum, zu erkennen, wie verschiedene Kulturformen an unterschiedliche Stadt- und Gebäu-destrukturen gekoppelt sind. Es geht sowohl um Lenkung als auch darum, jegliches Lenken zu unterlassen. Die Weiternutzung der dichten Stadt in einer Weise, die ihre Mannigfaltigkeit erhält und viele verschiedene Lebens-formen unterstützt, ist ein schwie-riger Prozess, weil die wichtigen Kräfte im Markt häufig etwas ganz anderes wollen. Trotz allem aber gibt Modellbeispiele, die zeigen, wie dies erreicht werden kann.

    Wie dagegen die Außenbezirke der Städte auf die aktuelle doppelte Herausforderung reagieren können, ist eine viel schwierigere und in ge-ringerem Maße debattierte Frage. Es hat viele Vorschläge zur Verdich-tung offener Wohnquartiere gege-ben, insbesondere für Gebiete mit Einfamilienhäusern. Aber sowohl die Wirkung als auch die Durch-führbarkeit dieser Projekte sind bis-lang zweifelhaft. Die am weitesten verbreitete Strategie läuft auf den Versuch hinaus, rund um stark fre-quentierte Bahnhöfe neue, dicht be-baute Stadtviertel zu errichten, um auf diese Weise die Außenbezirke der Stadt vom privaten Autoverkehr unabhängiger zu machen. Doch die Reichweite dieser Projekte ist eben-falls begrenzt.

    ... und die Fehlfunktion der MärkteDas große Hindernis bei der Lösung dieser Aufgabe liegt in unseren Le-bensformen, unseren Denkweisen und der Art und Weise, wie diese auf dem Markt und in den Medien präsent sind. Unter Architekten herrscht oftmals immer noch die Aufmerksamkeit ge-genüber spektakulären Einzelbauten und avantgardistischen Brüchen mit dem Althergebrachten vor, während Initiativen zur Wiederverwendung und kleine Erneuerungen komplexer

    Stadtstrukturen zu kurz kommen.Überdies lenkt die Macht der Medien ein großes Aufmerksamkeitspoten-zial auf spektakuläre, leicht kommuni-zierbare Projekte. Dies ist verbunden mit einem merklichen Zögern, sich komplizierteren Sachverhalten sowie Entwicklungen zu widmen, die erst in 10 oder 20 Jahren Ergebnisse zeiti-gen werden. Die Struktur und Funkti-onsweise des Grundeigentums- und Immobilienmarkts tut hierzu ein Übri-ges. Durch schnelle, flächendeckende und monofunktionale Sanierungspro-jekte lassen sich kurzfristig weit hö-here Renditen erzielen als mit der lang andauernden behutsamen Transfor-mation vorhandener Strukturen.

    Es besteht daher auch eine Ten-denz, dass mit dem Begriff „Stadter-neuerung“ eine recht simple Praxis überdeckt wird. Statt seine Aufmerk-samkeit der Frage zu widmen, welche komplexen Potenziale vorhandener Stadtstrukturen entwickelt werden können, befasst man sich lieber mit der Frage, wie die beliebtesten Ge-bäudetypen restauriert werden kön-nen, damit sie einen höheren Ertrag abwerfen.

    Wir sollten daher das schein-bare Gegeneinander von Wiederver-wendung und Neuanfang durch ein Nebeneinander ersetzen. Um neue Funktionsweisen und einen geringe-ren Ressourcenverbrauch in existie-renden Städten zu ermöglichen, sind wir genötigt, ein Denken und eine Pra-xis zu entwickeln, die auf eine radikale Änderung der Städte hinarbeiten.

    Jens Kvorning ist Associate Profes-sor an der Architekturfakultät der Königlichen Dänischen Kunstakade-mie, wo er Stadtplanung und städti-sche Architektur lehrt.

  • LIVERPOOL:

    24 D&A WINTER 2008 AUSGABE 10

    WIEDERGEBURT EINER HANDELSSTADT

    Als Großbritannien eine industrielle Großmacht war, diente Liverpool als seine internationale Verkehrsdreh-scheibe. Der Liverpooler Hafen an der Mersey-Mündung im Nordwes-ten Englands war das Eingangstor, durch das Rohstoffe für die Fabri-ken und Textilindustrien des Landes strömten. Von seinen 11 Kilometer langen Docks wurden Fabrikerzeug-nisse in die ganze Welt exportiert.

    Der Wohlstand, der um 1900 seinen Höhepunkt erreichte, schuf eine bemerkenswert reiche Stadt-landschaft. Die Banken und Büroge-bäude führender Architekten legten ein beredtes Zeugnis ab von der Wirt-schaftsmacht der Stadt. Die Docks zählten zu den großen Triumphen vik-torianischer Ingenieurskunst, und die St. George‘s Hall – eine riesige Stadt-halle mit Konzert- und Gerichtssälen

    – brachte die kulturellen Ambitionen der Stadt zum Ausdruck.

    Doch auf den schwindelerre-genden Fortschritt im neunzehnten Jahrhundert folgte im zwanzigsten ein katastrophaler Niedergang. Der Zusammenbruch der britischen In-dustrie, der Verlust des Empire und der Aufstieg Europas als britischer Haupthandelspartner anstelle von Amerika wurden Liverpool und dem umliegenden Mersey-Gebiet zum Verhängnis. Die Einwohnerzahl Li-verpools fiel von ihrem Spitzenwert 856.000 im Jahre 1931 auf 510.000 im Jahr 1981. Die Stadt wurde zum Inbegriff von Armut und Arbeitslo-sigkeit, während ihr großartiges Ar-chitekturerbe zunehmend wie die Ruinen einer untergegangenen Zivi-lisation wirkte.

    Im Laufe der vergangenen 25 Jahre wurde das Stadtzentrum je-

    doch schrittweise umgeformt. Die Wiederbelebung begann 1981, als die britische Regierung die ‚Mersey-side Development Corporation‘ grün-dete. Weitere massive Finanzspritzen der öffentlichen Hand folgten ab 1994, nachdem die Mersey-Region als eine der ärmsten Regionen der Europäi-schen Union ausgewiesen und ihr der ‚Objective One‘-Status verliehen wor-den war, was sie zur Förderung durch den Europäischen Regionalentwick-lungsfonds berechtigte. Bis zum Ab-schluss der Förderung 2006 erhielt das Gebiet über 1,5 Milliarden Pfund EU-Zuschüsse. Jetzt hofft man, dass ausreichend Vertrauen besteht, um die Entwicklung ohne öffentliche Gelder voranzutreiben. Und tatsäch-lich wurde das jüngste – und größte

    – Bauvorhaben in der Stadt, das Ein-kaufszentrum Liverpool One, von dem privaten Investor Grosvenor fi-nanziert.

    Ein Überangebot an Baubestand?Der Umbau älterer Gebäude spielte bei dieser Umformung eine Schlüs-selrolle. Die lokale Begeisterung für Liverpools historische Architektur ist groß, doch die langen Jahre wirt-schaftlichen Niedergangs haben von der Stadtstruktur ihren Tribut gefor-dert. Dies und die überwältigende An-zahl denkmalgeschützter Gebäude

    – von denen Liverpool angeblich mehr als jede andere englische Provinz-stadt besitzt – lassen ihre Erhaltung und Sanierung zu einer ernsthaften Herausforderung werden. Bei einigen der besonders wichtigen Gebäude – darunter die neoklassizistischen Wel-lington Rooms und die Speicher am Stanley Dock – geht der Verfall nach jahrelangem Leerstand weiter; doch viel wurde bereits erreicht, und das Gesamtbild stimmt um einiges zuver-sichtlicher als zuvor.

    Das wichtigste Erneuerungspro-jekt der 80er-Jahre war die Restaurie-

    rung der baufälligen Albert Docks, der landesweit größten Gruppe von denk-malgeschützten Gebäuden der Stufe I, die nun ein Schifffahrtsmuseum und eine Außenstelle der Tate Gallery be-herbergen. Kulturelle Einrichtungen spielen auch weiterhin eine wichtige Rolle in der Renaissance Liverpools. Die aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert stammenden Blue-coat Chambers – Sitz eines blühen-den Kunstzentrums – erhielten erst kürzlich einen ansprechenden Anbau durch die niederländischen Architek-ten BIQ, während sich an der Uferpro-menade zu einer neuen Konzert- und Tagungsstätte von Wilkinson Eyre bald ein Museum für Stadtgeschichte nach dem Entwurf des dänischen Ar-chitekturbüros 3XN gesellen wird.

    Neben kulturellen Neuzugängen brachten die letzten fünfzehn Jahre auch eine deutliche Zunahme an in-nerstädtischen Wohnungen mit sich. Ein wichtiger Schwerpunkt lag hier auf dem sogenannten ‚Ropewalks‘-Viertel, einem dichten Geflecht enger Straßen aus dem 18. Jahrhundert, an denen sich heruntergekommene georgianische Reihenhäuser, viktori-anische Lagerhäuser und diverse In-dustriebauten drängen. Pionier bei der Erneuerung dieses vernachlässigten Stadtteils war das Immobilienunter-nehmen Urban Splash, das eine Che-miefabrik aus den 1890er-Jahren in Liverpools erste, 1994 fertiggestellte Loftapartments umwandelte.

    Urban Splash errichtete noch wei-tere Wohn-, Büro- und Freizeitbau-ten in derselben Gegend, deren klare moderne Architektur gut mit dem strengen industriellen Charakter der älteren Nachbargebäude harmoniert. Andere Bauherren folgten dem Mo-dell, wenn auch mit unterschiedlichen, gelegentlich in historisches Flickwerk abgleitenden Ergebnissen. Eine be-dauerliche Anzahl Häuser aus dem 18. Jahrhundert ist noch immer unsaniert, und einige bereits eingestürzt, nach-dem sie jahrzehntelang leer standen. Nun sollen Zuschüsse des Liverpoo-ler Stadtrats den Hausbesitzern dabei helfen, gefährdete Gebäude in diesem faszinierenden Viertel zu retten.

    Liverpools neue SkylineDoch nicht nur Umbauten, auch die Neubauwohnungen, die in den ver-gangenen Jahren überall in Liverpool aus dem Boden schossen, prägen das Stadtbild. Am Nordrand des Ge-schäftsviertels, nah am Wasser, hat ein Komplex hoher Wohntürme Li-verpools Skyline in den letzten fünf Jahren verändert. Die beiden höchs-ten Gebäude, darunter der 40-stö-ckige West Tower, wurden von der Beetham-Organisation gebaut, einem weiteren Pionier des innerstädtischen Wohnungsbaus. Dazu kamen zahlrei-che kleinere Projekte, verteilt im ge-samten Stadtzentrum. Dort stieg die Einwohnerzahl von 2340 im Jahre 1991 auf 15.000 im Jahre 2007 an.

    Abgesehen von einigen lobens-werten Ausnahmen, wie dem ge-mischtgenutzten Unity-Gebäude von Allford Hall Monaghan Morris, ist die Entwurfsqualität dieser Projekte meist unbedeutend und reicht nicht an die kraftvolle Individualität und die robusten Baustoffe heran, welche die Architektur Liverpools traditionell ge-prägt haben. In der Regel wurde der Schwerpunkt statt auf großzügige Unterkünfte vor allem auf kleinere Zwei- und Dreizimmerwohnungen ge-legt. Die Belegungsraten sind schwer zu ermitteln, doch wie es scheint, herrscht in Liverpools Stadtzentrum derzeit bereits ein Überangebot klei-ner Wohnungen, und der gegenwär-tige wirtschaftliche Abschwung lässt Zweifel hinsichtlich der Zukunft die-ses Baubooms aufkommen.

    Oft haben Sanierung und Umbau historischer Gebäude zu ansprechen-deren Ergebnissen geführt. Die Col-legiate Institution, eine große Schule aus den 40er-Jahren des 19. Jahrhun-derts, einen Kilometer vom Zentrum entfernt im Ortskern von Everton ge-legen, war nur noch eine Brandruine, als sich Urban Splash in den späten 90er-Jahren ihrer annahm. Die Ar-chitekten shedkm schufen hinter der Altbaufassade 96 Apartments und lösten das Problem der enormen De-ckenhöhen durch das Einziehen von Mezzaningeschossen, die sie etwas von den deckenhohen neugotischen

    Liverpool, die Hafenstadt des Frühkapitalismus, erlebte im 19. Jahrhundert einen nie dagewesenen Wohlstand und im 20. Jahrhundert einen ebenso spektakulären Niedergang. Obwohl viele Gebäude immer noch dem Abriss geweiht sind, wächst in der Stadt das Bewusstsein, dass umgenutzte Altbauten dem Wohnraumbedarf in der Stadt oft besser gerecht werden als Neubauten.

  • NEW YORK:

    25

    Fenstern zurücksetzten. Inzwischen wurden im Stadtzentrum zahlrei-che Bürogebäude aus dem 19. Jahr-hundert für Wohnzwecke umgebaut. So beinhaltet das Albany-Gebäude in der Old Hall Street, ein ungemein eindrucksvoller mehrfarbiger Ziegel- und Steinpalazzo aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, heute 123 Apartments. Die ursprünglichen breiten Flure und Treppenhäuser, durch die einst die Li-verpooler Baumwollhändler kamen und gingen, bilden ideale Erschlie-ßungszonen. Bedauerlicherweise wurde dem Gebäude eine belanglose Penthouse-Etage aufgesetzt, die so-wohl den Gebäudeumriss als auch die Gesamtproportionen des Baus beein-trächtigt.

    Wiederbelebung und Abriss Seite an SeiteAm Rand des Handels- und Geschäfts-zentrums liegt einer von Liverpools wertvollsten Schätzen, ein elegan-tes Wohnviertel, dessen Straßen und Plätze im frühen neunzehnten Jahr-hundert angelegt wurden. Hier stehen die anglikanische und katholische Ka-thedrale sowie zwei der Liverpooler Universitäten. Die schönen Reihen-häuser des Viertels wurden in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts durch ein Restaurierungsprogramm des Stadtrats und der Denkmal-schutzorganisation English Heritage vor dem Niedergang gerettet. Das Er-gebnis: deutlich gestiegene Immobi-lienwerte und ein Stadtteil, der bei Fernsehgesellschaften als Kulisse für historische Dramen hoch im Kurs steht. Dem Viertel ist es gelungen, eine gesunde Mischung der Bevölke-rung beizubehalten und eine Gentrifi-zierung weitgehend zu vermeiden.

    Inzwischen steht auch dem tradi-tionellen Wohnungsbau in Liverpools Außenbezirken eine groß angelegte Erneuerung bevor. Weite Bereiche der Peripherie bestehen aus gleichförmi-

    gen Straßen des späten neunzehnten Jahrhunderts mit zweistöckigen, teils jahrzehntelang vernachlässigten Rei-henhäusern. Im Rahmen der landes-weiten ‚Initiative zur Erneuerung des Wohnungsbaumarkts‘ wurden einige dieser Bereiche für den Abriss und Neubau vorgesehen. Ein weiteres vik-torianisches Wohngebiet, das kom-plett verschwinden soll, liegt an der Edge Lane, der Haupteinfallstraße von der Autobahn ins Stadtzentrum. Diese Abrisspläne lösten eine heftige, emotionale Debatte aus, bei der sich Unterstützer der Pläne und ihre Geg-ner, die für eine Beibehaltung und Sa-nierung bestehender Bausubstanz eintreten, gegenüberstehen.

    Ein Projekt, das die Gangbarkeit einer Sanierung aufzeigt, wurde kürz-lich in der Tancred Road, in der Nähe des Anfield-Stadions des FC Liver-pool, abgeschlossen. Umgesetzt von der Affordable Homes Development Company und entworfen vom Archi-tekturbüro Ken Martin, beweist es, dass die sensible Anpassung älterer Gebäude nicht auf die Vorzeigearchi-tektur von Liverpools Zentrum be-schränkt sein muss. Mit etwas Glück wird es als Modell für die wirtschaft-lichen, sozialen und umweltbezoge-nen Vorzüge von Umbauten auch anderswo in der Stadt dienen.

    Joseph Sharples studierte bildende Kunst an der Universität Edinburgh und arbeitete mehrere Jahre als Ku-rator in der Liverpooler Kunstgalerie Walker. Zu seinen Veröffentlichun-gen zählt der Pevsner Architectural Guide to Liverpool (Yale University Press, 2004). Heute ist er als Archi-tekturhistoriker an der Universität Li-verpool tätig, wo er das Archiv eines der führenden viktorianischen Archi-tekturbüros, Culshaw & Sumners, er-forscht.

    UPGRADE FÜR DIE WELTMETROPOLE

    Trotz hoher Bodenpreise und jahr-zehntelanger Wohnungsknappheit beherbergten die meisten Uferge-lände New Yorks bis spät in die neun-ziger Jahre Industriefriedhöfe und vergammelte Lagerhäuser. Dies war nicht nur in Brooklyn und Queens der Fall, sondern auch an bester Lage in Manhattan, beispielsweise am Ufer zum Hudson River, gleich neben dem höchst begehrten Greenwich Village. Die Gründe dafür sind historisch und politisch: Bis Mitte des 20. Jahrhun-derts gab es in New York durchaus praktische Gründe, dem Wasser den Rücken zuzukehren. Die Ufergelände wurden von der Industrie genutzt, die auch für regen Schiffsverkehr sorgte. Lärm und Schmutz bestimmten die Atmosphäre. Die Fifth Avenue wurde deshalb zur nobelsten Adresse Man-hattans, weil sie exakt in der Mitte zwischen dem Hudson und dem East River liegt. Später wurden den Ufern entlang Umfahrungsstraßen gebaut, weshalb diese als Wohnlage weiter-hin als unattraktiv galten.

    Brooklyn: Vom Mafia-Friedhof zum BoutiquenviertelDer Entwicklung der Ufergebiete standen aber auch politische Gründe im Wege. Bei jeder Diskussion über eine mögliche Nutzungsänderung protestierten die Gewerkschaften gegen die Abwanderung der Indust-rie und der entsprechenden Arbeits-plätze. Damit ließ sich der Wegzug vieler Fabriken allerdings nicht ver-hindern. Das Resultat war, dass Quar-tiere vergammelten, weil sie weder industriell noch als Wohnquartiere voll genutzt wurden. Eine Pattsitua-tion, in der sich während Jahrzehnten auch das heutige In-Quartier Dumbo

    in Brooklyn befand. Der Name steht für ‚Down-under-the-Manhattan-Bridge-Overpass‘. Denn das Quartier liegt zwischen den Brückenpfeilern der Brooklyn Bridge und der Manhat-tan Bridge, die über Dumbo hinweg di-rekt ins höher gelegene Nobelquartier Brooklyn Heights führen. Das Indust-riegebiet galt lange als unwirtlich und gefährlich: Es hieß, die Mafia pflege dort ihre Leichen zu deponieren. Ein paar mutige Künstler bezogen An-fang der achtziger Jahre leerste-hende Lofts und brachten damit den altbekannten Kreislauf in Bewe-gung, wonach Künstler ein Quartier für sich entdecken, es bewohnbar machen, nur um bald darauf von den steigenden Preisen wieder vertrieben zu werden.

    Auch der heute 69-jährige Pro-jektentwickler David Walentas hatte ein Auge auf das Gebiet geworfen, als er das für seine Aussicht auf die Skyline Manhattans bekannte River Café am Fuß der Brooklyn Bridge be-suchte. Die Gäste des Restaurants bewegten sich nur per Taxi durch die Gegend, weil sie ihnen zu gefährlich war. Walentas, der zu jener Zeit an der Revitalisierung von SoHo beteiligt war, sah in den alten Fabrikgebäuden zwischen den Brückenpfeilern jedoch großes Potenzial und kaufte ein Dut-zend Gebäude zu Spottpreisen.

    Ende der neunziger Jahre konnte er dort zu Wohnlofts umgebaute Räume zum fünfzigfachen Quadrat-meterpreis verkaufen! Der Weg dort-hin war allerdings steinig. Nach dem Kauf geschah während 17 Jahren so-zusagen nichts. Schuld daran war die Stadtregierung, die aus politischen Gründen keine Änderung der Flä-chennutzung vornehmen wollte und mit der Walentas nicht auf gutem Fuß stand. Zudem kam es Ende der achtziger Jahre zu einer Krise im Im-mobilienmarkt und zu einer Rezession. Erst 1997 gab es die ersten Änderun-

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    gen im ‚zoning plan‘ für das Gebiet, durch die Umbauten zu luxuriösen Lofts, später auch ein paar Neubau-ten möglich wurden.

    Heute ist Dumbo ein schickes Quartier mit tollen Restaurants und Boutiquen für Designermöbel. Und Walentas ist längst nicht mehr der einzige Developer im Quartier. Er darf aber für sich in Anspruch neh-men, Dumbo sozusagen eigenhändig befördert zu haben.

    Chelsea: Die Revitalisierung der ‚Highline‘Besonders ambitiös verläuft die Re-vitalisierung im westlichen Chelsea: Innerhalb weniger Jahre hat sich der Meatpacking District im Süden von Chelsea zur ultimativen In-Adresse für neue Mode- und Designboutiquen, Restaurants von Starköchen und an-gesagte ‚Boutique‘-Hotels gewandelt. Zusammen mit dem angrenzenden Galerienviertel, das mittlerweile über 300 Galerien zählt, könnte es kaum mehr ‚trendy‘ sein.

    Der Grund dafür ist nicht zu-letzt eine alte, rostige Güterbahn-linie, die sich von der 13. bis zur 34. Straße zehn Meter über dem Erdbo-den mitten durch die Straßenblocks zwischen der 10. und 11. Avenue schlängelt. Noch vor acht Jahren – unter Bürgermeister Rudolph Giu-liani – war ihr Abbruch vorgesehen, weil sie als Hindernis für den künfti-

    gen Wohnungsbau betrachtet wurde. Doch zwei Anwohner, der Künstler Robert Hammond und der Reisejour-nalist Joshua David, setzten sich für ihre Erhaltung ein und gründeten den Verein ‚Friends of the Highline‘. Ihre Idee, die Highline in einen öffentlichen Park zu verwandeln, fand bald solch prominente Anhänger wie Popstar David Bowie und Modedesignerin Diane von Furstenberg. Diese konn-ten die neue Stadtregierung unter Bürgermeister Michael Bloomberg dafür gewinnen. Denn die Neugestal-tung der Ufergelände New Yorks war von Anfang sein Ziel.

    Nachdem die Stadt New York offiziell in Besitz der Highline kam, änderte sie die Flächennutzung im Gebiet ringsum, sodass nun eine ge-mischte Nutzung durch Wohn- und Geschäftsräume möglich ist. Der im Auftrag der Stadt entstandene Entwurf für die Highline – eine Zu-sammenarbeit der Landschaftsar-chitekten Field Operations und der Architekten Diller Scofidio + Renfro

    – sieht einen öffentlichen Park mit ver-schiedenen Zugängen vor. Die erste Etappe, die von der 13. Straße bis zur 20. Straße reicht, soll noch im Winter 2008/2009 eröffnet wer-den. Die Kosten für den Umbau der gesamten Highline werden auf 170 Millionen geschätzt, die sich zu einem beträchtlichen Teil aus privaten Gel-dern zusammensetzen.

    Die Nutzungsänderung im Zo-nenplan hat auch umgehend zu einer Reihe von ambitionierten Projekten namhafter Architekten wie Jean Nouvel und Frank O. Gehry, aber auch von Newcomern wie Annabelle Selldorf und Lindy Roy geführt. Da entlang der Highline nur wenige In-dustriebauten erhalten geblieben sind, handelt es sich durchwegs um Neubauten, die Luxus-Eigentums-wohnungen enthalten werden. Aus-nahmen bilden der bereits seit einem Jahr fertiggestellte, zwanzigstö-ckige Chelsea Arts Tower und das ebenfalls fertige Bürogebäude von Frank Gehry für die InterActiveCorp (IAC). IAC ist ein Medienkonglome-rat, dessen Firmenoberhaupt Barry Diller ist, der Ehemann von Diane von Furstenberg. Ein weiteres Büro- und Geschäftszentrum ist im ‚High Line Building‘ vorgesehen, dem einzigen Gebäude, das buchstäblich auf die Highline zu stehen kommt. Als ‚Anker‘ für das Park-Projekt wird das Whit-ney Museum of American Art ein Ge-bäude von Renzo Piano bauen. Gleich daneben ragt bereits das ‚Standard Hotel‘ des Boutique-Hotelbesitzers André Balazs wagemutig über die Highline hinaus. Balazs ist vor allem für seine luxuriösen Hotels Mercer in New York und Chateau Marmont und Standard in Los Angeles bekannt.

    Fertiggestellt und bezogen ist auch das 26-stöckige ‚Caledonia‘ von Architekt Gary Handel neben dem Chelsea Market, einem unge-wöhnlichen Shopping Center, das bereits vor 13 Jahren wie ein Tunnel durch eine alte Häuserkette gegra-ben wurde. Weiter nördlich sind Jean Nouvels ‚Vision Machine‘ sowie zwei luxuriöse Wohnhäuser der Architek-turfirma Della Valle Bernheimer im Bau. Auf kleinstem Raum zwängt sich zudem bald ein Haus von Neil M. Denari zwischen die Highline und das Hochhaus von Lindy Roy.

    Bowery: Luxuswohnen neben ObdachlosenheimenManchmal sind die Gründe, die einer Entwicklung entgegenstehen, auch in der faktisch schon längst überhol-ten Geschichte zu suchen: Bis Mitte fünfziger Jahre fuhr die 1878 gebaute Straßenbahn ‚Third Avenue El‘ auf der Höhe des zweiten Stockwerkes der Third Avenue und der Bowery entlang. (Die Bowery ist neben dem Broadway die einzige Straße New Yorks, die weder ‚Street‘ noch ‚Avenue‘ heißt). Die Straße unter dem Bahnviadukt war eine traurige Strecke von Alkoho-likern, Prostituierten und sogenannter

    ‚Flophouses‘, einer Art Billigsthotel für Obdachlose. Nachdem die Bahnlinie 1955 abgebrochen wurde, änderte sich zwar das Erscheinungsbild der Bowery, aber nicht ihr Ruf. Nur Künst-ler zogen gerne in die Lofts, die dank der nun offenen Straße viel Tages-licht erhielten. Bis vor kurzem war sie auch die Adresse des Musikclubs CBGB‘s, wo die amerikanische Punk-musik entstand, des Jean Cocteau Re-pertory Theaters und des Bouwerie Lane Theaters.

    Um die Jahrtausendwende be-gann der Immobilienboom auch an der Bowery seine Zeichen zu setzen, und anstelle der Parkplätze, Tank-stellen und baufälligen Häuser rag-ten die ersten Neubauten empor. Nur einzelne alte Häuser wurden umge-baut. Die Alkoholikerheime und Flo-phouses sind geblieben. So steht das vor einem Jahr eröffnete Gebäude des New Museums of Contemporary Art des japanischen Architektenteams Ryue Nishizawa und Kazuyo Sejima/ SANAA (Sejima And Nishizawa And Associates) unmittelbar neben dem Flohhotel ‚Sunshine‘.

    Nördlich davon, an der Kreu-zung zur Houston Street, wurden ein neunstöckiges und ein 14-stö-ckiges Gebäude mit insgesamt 500 Luxus-Mietwohnungen gebaut, mit

    New York ist seit über einem Jahrzehnt dabei, seine früheren ‚No-Go-Areas‘ systematisch zu bereinigen. Wo einst heruntergekommene Industriebaracken standen und Obdachlose Unterschlupf fanden, entstehen heute Lofts und Luxuswohnungen. Doch im Austausch für die alten sozialen Probleme handelt sich die Metropole neue ein: Nicht nur die Schwächs-ten der Gesellschaft, auch die untere Mittelschicht findet kaum noch erschwinglichen Wohnraum.

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    monatlichen Mieten von 3000 bis 7500 Dollar. Und das schicke 16-stö-ckige Bowery Hotel mit 146 Zimmern (Preislage: ab 500 Dollar) steht neben einem Obdachlosenheim. Ein weite-res Hotel mit 22 Stockwerken ist noch im Bau. Das Paradox dieser Projekte ist, dass für sie der Standort gerade wegen seiner Atmosphäre des Ver-gammelten attraktiv ist, obwohl sie eben diese eliminieren helfen.

    Bürgermeister Bloomberg hat den Bauboom in New York mit allen Mitteln unterstützt. Nicht bei Einzel-bauten, aber bei größeren Siedlungen hat er auch die Bedingung gestellt, dass ein Teil der Wohnungen zu so-genannten ‚erschwinglichen‘ Prei-sen angeboten wird, das Sozialste, was New York heutzutage an ‚sozi-alem Wohnungsbau‘ anbietet. Prob-lematisch ist jedoch, dass das, was im Vergleich zu den exorbitanten Mieten in Manhattans Neubauten für ‚erschwinglich‘ deklariert wird, oft weit über den Monatslöhnen des unteren Mittelstandes liegt. Schon vor dem Kollaps des Finanzwesens wurde klar, dass die Busfahrer, Poli-zisten und Lehrer irgendwann an eine Grenze stoßen, weil ihr Arbeitsweg immer länger wird.

    Thérèse Balduzzi llebt in New York, von wo aus sie für verschiedene deutschsprachige Medien tätig ist. Die aus Zürich stammende Autorin schreibt vor allem über Kultur, Popu-lärkultur, Design und Architektur.

    ARBEITERSTADT SUCHT MITBEWOHNER

    „Ich fahre nicht oft auf die andere Seite. Das ist nicht Rotterdam. Rotterdam liegt auf dieser Seite der Maas“, er-klärte der Taxifahrer, bevor wir vom Stadtzentrum aus über die Erasmus-brücke fuhren. Dass unmittelbar jen-seits der Brücke mit Kop van Zuid ein neues Vorzeige-Stadtviertel in Ent-wicklung ist, interessierte ihn wenig. Als eingefleischter Rotterdamer be-trachtete er alles, was südlich der Maas lag, noch immer als herunter-gekommene Peripherie. „Bauernseite“ wurde das Gebiet schon im 19. Jahr-hundert genannt, als sich dort arme Landflüchtlinge ansiedelten, die in den Hafenanlagen auf der südlichen Maasseite Arbeit suchten. In den sechziger Jahren zog der Hafen fort, weiter hinaus in Richtung Maasmün-dung, und ließ in den Wohnsiedlun-gen von Rotterdam-Zuid vor allem Arbeitslose und Migranten zurück.

    Erst in den späten Achtzigern, als Hafenkonversionen international in Mode kamen, entstanden Pläne, um aus der Hafenhalbinsel Kop van Zuid einen funktional durchmischten neuen Teil der Innenstadt zu machen. Seither sind zwischen den alten Ha-fenbauten, die teils zu Lofts und Ge-werberäumen umgebaut wurden, zahlreiche neue Hochhäuser und Wohnblöcke errichtet worden. Unter anderem haben hier Mecanoo, Renzo Piano und Lord Norman Foster ge-baut; Rem Koolhaas und Alvaro Siza sollen noch folgen. Wenn das Pro-jekt im Jahr 2010 beendet ist, sollen in Kop van Zuid 18.000 Menschen arbeiten und 15.000 wohnen, die Hälfte davon in Eigentumswohnun-gen. Und im Idealfall wird ihre Wirt-schaftskraft ein wenig auf die weiter südlich gelegenen Gegenden abstrah-

    len, deren soziale Realität im Moment noch ziemlich harsch auf die neu ge-baute Hochglanzwelt prallt.

    Stadt der Arbeiter und ArchitektenAufgrund von prestigeträchtigen Projekten wie Kop van Zuid bezeich-net Rotterdam sich seit einigen Jahren gerne als „Architekturhauptstadt der Niederlande“. Zählt man die Architek-turbüros, die sich in der Stadt nieder-gelassen haben, sowie den Anteil an Neubauten an der Stadtstruktur und bedenkt außerdem, dass das Nieder-ländische Architekturinstitut seinen Sitz in Rotterdam hat, dann ist sie das sicherlich auch. Ironischerweise ist die-ses Label aber auch aus einem Image-problem entstanden, denn Rotterdam ist keine klassisch schöne Stadt und hat auch nie als solche gegolten. Im Goldenen Zeitalter noch klein und un-bedeutend, erlebte es seine Blüte erst während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, als der Nieuwe Water-weg eine direkte Schifffahrtsverbin-dung zur Nordsee schuf. Im Eiltempo entwickelte sich der Hafen zum größ-ten Europas, und rund um das Zen-trum wurden neue Wohnviertel hochgezogen. Seither war Rotterdam als Amsterdams hässliche, aber flei-ßige Schwester bekannt. Ein Sprich-wort besagt, dass in der Hafenstadt alle Hemden bereits mit hochgekrem-pelten Ärmeln verkauft werden.

    Eine Arbeiterstadt ist Rotterdam immer geblieben. Das Einkommen von 54 % der Einwohner liegt unter dem niederländischen Durchschnitt, 46 % sind Ausländer, 9 % sind arbeits-los. Seit den neunziger Jahren siedeln sich aber auch immer mehr Architek-ten, Künstler und Designer in Rotter-dam an, die die Rauheit der Stadt, ihre urbanen Brüche, den kreativen Frei-raum und die niedrigen Mieten zu schätzen wissen. Viele pflegen eine Hassliebe zu ihrem Wohnort. „I rot-terdam“ heißt ein Manifest, das das junge Architekturbüro Powerhouse Company als Parodie auf die Marke-tingkampagne „I amsterdam“ publi-ziert hat und in dem Rotterdam als

    „urban compost heap, waiting to flo-wer from its lingering fertility“ be-schrieben wird.

    Gesucht: Zahlungskräftige WohnungskäuferUnterdessen bemühen sich Gemeinde, Wohnungsbaugesellschaften und Pro-jektentwickler, mit Projekten wie der Konversion von Kop van Zuid besser situierte Bewohner nach Rotterdam zu locken. In vielen Neubauten befin-den sich luxuriöse Wohnungen; das Penthouse im Wolkenkratzer Monte-video hat gar Brad Pitt gekauft. Zuvor stand es lange leer, denn eine Käufer-schaft für teure Eigentumswohnun-gen ist kaum vorhanden. Letztes Jahr wurden auf Initiative der Gemeinde

    Schon einmal, nach dem Ende des Zweiten Welt-kriegs, musste sich Rotterdam neu erfinden. Derzeit ist die Stadt dabei, es erneut zu tun: Aufgelassene Hafengebiete, soziale Problemzonen und sanierungs-bedürftige Nachkriegsbauten bilden den Nährboden, auf dem neuer Wohnraum entstehen soll. Die bisheri-gen Lösungsansätze reichen von Luxuswohnungen am Hafen über die Nachverdichtung der Innenstadt bis zu verschenkten Wohnungen in Arbeitervierteln.

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    45 Wohnungen in Neubauprojekten – darunter auch Montevideo – zu einem Drittel ihres Marktpreises an Univer-sitätsabsolventen vermietet, um deren Abwanderung zu verhindern und den Leerstand zu beheben.

    Hafenkonversionen bieten sich an, um höhere Einkommensgruppen anzuziehen, weil sich in ihnen cha-raktervolle Alt- und moderne Neu-bauten mischen und im Bestfalle echtes Großstadtflair aufkommen lassen. Nach Kop van Zuid wurden in Rotterdam jüngst auch Müller- und Lloydpier am nördlichen Maasufer in neue Stadtviertel umgewandelt. Da der Hafen immer weiter in Richtung Nordsee „rutscht“, werden immer mehr solcher Gebiete für Stadter-weiterungen frei. Das neueste nennt sich Stadshavens und wird vom Ha-fenbetrieb und der Gemeinde entwi-ckelt. Bis 2025 sollen auf einer 1600 Hektar großen Fläche westlich vom Stadtzentrum 5000 neue Wohnun-gen entstehen.

    Fragt sich nur, ob sich solche Stadterweiterungen in Rotterdam lohnen, wenn Taxifahrer ebenso wie potenzielle Wohnungskäufer schon Kop van Zuid als Peripherie empfin-den. In letzter Zeit ist deshalb auch das Stadtzentrum aus der Nach-kriegszeit wieder ins Blickfeld der Planer gerückt. Entstanden ist es in Folge des Bombardements von Rot-terdam im Mai 1940, bei dem so gut wie alle Altbauten im Zentrum zer-stört wurden. Da Rotterdam nie als schön gegolten hatte, war damals von Wiederaufbau keine Rede, son-dern man betrachtete das leerge-fegte Gebiet als tabula rasa, auf der ein neues, modernistisches Zentrum geplant werden konnte. Noch heute ist im Stadtbild deutlich ablesbar, wo in der Bombennacht die Brandgrenze verlief.

    Eine Renaissance des Stadtzentrums?Da das Ideal des modernen Städte-baus eine strikte Funktionstrennung war, gibt es im Zentrum jede Menge Büros und Geschäfte, aber nur wenig Wohnungen. Mit einer Nachverdich-tung könnte man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits ent-stünde attraktiver, zentral gelegener Wohnraum, andererseits wäre das Stadtzentrum nach Ladenschluss nicht mehr so hoffnungslos ausge-storben, wie es momentan der Fall ist. Denn eben diese Leblosigkeit des Zentrums macht einen Teil von Rot-terdams Imageproblem aus.

    In manch einer Stadt hätte man die Abrissbirne gezückt, um Platz für Neubauten zu schaffen. Glückli-cherweise ist das in Rotterdam nur selten der Fall, auch wenn einige Um-bauprojekte aus Denkmalschutzsicht bedenklich erscheinen. Aber mit Aus-nahme des Rathauses, der Hauptpost und einer Kirche stammen die ältes-ten Bauten in der Rotterdamer In-nenstadt aus der Spätmoderne und sind offiziell noch gar nicht denk-malschutzwürdig. In diesem Sinne kann man sich freuen, wenn ein bis-her ziemlich heruntergekommener Kaufhausbau aus den fünfziger Jah-ren am Binnenwegplein nun von Van Tilburg, Ibelings, Von Behr Architec-ten mit zwei Wohntürmen aufge-stockt und der Sockelbau restauriert wird. Fragwürdiger scheint dagegen der geplante Wohnkomplex Bijko-rama, entworfen von Wiel Arets, der an das Kaufhaus Bijenkorf mit seiner 1951 von Marcel Breuer gestalteten Fassade angebaut werden soll.

    Am umstrittensten ist jedoch ein neuer Masterplan für die Lijnbaan-höfe. Diese begrünten Höfe, umstan-den von Wohnhochhäusern aus den sechziger Jahren, gehören zum Gebiet der legendären Einkaufsstraße Lijn-baan, die direkt nach dem Krieg von

    Van den Broek en Bakema entworfen wurde. Auf Wunsch der Eigentümer ließ die Gemeinde letztes Jahr vom Architekturbüro Claus en Kaan einen Masterplan entwickeln, der vorsah, dass die Höfe mit eingeschossigen Ge-schäftsräumen unter einem grünen Dach zugebaut und obendrein zusätz-liche Wohntürme in den Höfen plat-ziert würden. Nach viel Protest wurde dieser Plan fallen gelassen, aber ein neuer ist bereits in Arbeit..

    Wohnungen zu verschenken: Das Experiment WallisblokGinge es nach den Eigentümern der Wohnhochhäuser, würden sie ohne viel Aufhebens abgerissen und durch profitträchtigere Neubauten ersetzt, denn amortisiert haben sie sich oh-nehin bereits. Aus demselben Grund neigt man überall in den Niederlan-den in weniger begehrten Wohnlagen zum Abriss anstelle von aufwendiger Renovierung oder Umbau. Das gilt zum Beispiel auch für die Rotterda-mer Nachkriegs-Schlafstadt Hoogv-liet, in der zur Zeit 5000 von 17.000 Häusern abgerissen und durch Neu-bauten ersetzt werden. Dass es auch kleinmaßstäblicher und feinfühliger geht, beweist dagegen ein Umbau-projekt im Rotterdamer Problem-viertel Spangen, das erst Ende 2007 fertig gestellt wurde und schon jetzt Schule gemacht hat. Spangen ist ein Stadtteil im Westen Rotterdams, der zum Großteil aus backsteiner-nen Wohnblöcken aus den 1910er-Jahren besteht. 85 % der Einwohner sind Ausländer, und 80 % des Woh-nungsbestands sind soziale Miet-wohnungen. In die Schlagzeilen geriet Spangen Anfang der neunzi-ger Jahre, als Bewohner mit Straßen-blockaden gegen den florierenden Drogenhandel im Viertel protestier-ten. Seither ist es ruhiger geworden, aber als gute Wohnlage würde man Spangen, das zu den ärmsten Stadt-vierteln der Niederlande zählt, sicher nicht bezeichnen.

    2005 entschloss die Gemeinde sich deshalb zu einem Experiment. Alle 75 Wohnungen in einem Block, dem sogenannten Wallisblok, soll-ten verschenkt werden – mit der Auflage, dass ihre neuen Besitzer eine Bauherrengemeinschaft bilde-ten, den Block innerhalb eines hal-ben Jahres gemeinsam renovierten und dort mindestens zwei Jahre lang selber wohnten. Schnell fanden sich 33 Interessierte, die, wie in Rotter-dam zu erwarten, fast alle aus kre-ativen Berufen stammten. Durch Zusammenlegung sind die meisten Wohnungen nun etwa 200 Quadrat-

    meter groß, alle haben eine Dachter-rasse oder einen Garten bekommen, und im Zentrum des Blocks liegt ein großer gemeinschaftlicher Innenhof. Zwischen 70.000 und 200.000 Euro haben die Besitzer in ihr neues Heim investiert.

    Weil der Wallisblok ein Erfolg war, sind ähnliche Projekte jetzt auch in den Stadtteilen Charlois und Feije-noord, jenseits von Kop van Zuid, in Planung. „Gentripunktur“ heißt das Schlagwort, denn man hofft natür-lich, dass die Enklaven gut ausgebil-deter Besserverdiener sich positiv auf die Umgebung auswirken. Ob sie das tun, muss sich noch herausstellen. Aber sie sind in jedem Fall preisgünsti-ger, subtiler und reagieren besser auf die tatsächliche Nachfrage auf dem Rotterdamer Wohnungsmarkt als manch ein groß angelegtes Neubau-projekt. „Schamlos, modern, radikal, großstädtisch zu sein, ist fraglos das Wunschbild von Rotterdam“, stellte die Architekturkritikerin Angelika Schnell einmal fest. „Doch die Reali-tät ist zugleich bescheidener und viel-schichtiger.“

    Anneke Bokern wurde 1971 in Frank-furt/Main geboren und hat in Berlin Kunstgeschichte studiert. Seit 2000 lebt sie als freie Journalistin für Ar-chitektur, Design und Kunst in Ams-terdam. Unter dem Namen architour organisiert Anneke Bokern Architek-turführungen in den Niederlanden.

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    Henrik Kam (www.henrikkam.com) ist ein Fotograf aus San Francisco, der sich in seiner Arbeit mit dem Einfluss des Menschen auf die städtische und natürliche Umwelt befasst. Ursprünglich aus Dänemark stammend, ver-brachte er seine berufliche Laufbahn in den USA, wo er derzeit an einem einjährigen Projekt für das San Fran-cisco Museum of Modern Art arbeitet.

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    Broken LineFotograf: Olaf Otto Beckerwww.olafottobecker.de

    „Das Grundelement der Fotografie ist das Licht. Ohne Licht keine Fotografie. Licht ist Ausgangs-punkt aller Fotografen und Quelle jeder foto-grafischen Form. Olaf Otto Becker sprach von seiner Besessenheit, das richtige Licht zu fin-den: Der eigentliche Gegenstand seiner Fotos – ihr erster und letzter Gegenstand – sind nicht Fel-sen, Eisschollen oder einsame Holzhäuser, son-dern das Licht. Im Vorwort zu seinem Buch The New West (1974), seiner ersten Foto-Dokumenta-tion menschlich überformter Landschaften und ein maßgebliches Werk der zeitgenössischen Land-schaftsfotografie, formulierte Robert Adams fol-genden Aphorismus, den man beim Betrachten der Grönland-Bilder von Olaf Otto Becker in Erin-nerung behalten sollte: ‚… Über jeder Naturland-schaft, ganz egal, was mit ihr geschehen ist, liegt eine gewisse Anmut, eine ewige Schönheit.‘“

    Aus dem Essay ‚Take me to the frozen North – The Greenland Photographs of Olaf Otto Becker‘ von Gerry Badger

    69°11’58” N51°07’08”Wllulissat Icefjord, 06.07.2003

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    REFLEKTIONEN Neue Perspektiven: Ideen abseitsder Alltagsarchitektur.

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    Von Thomas Lemken

    Rund 17 Tonnen Material verbraucht ein Mitteleuro-päer jedes Jahr zum Bauen und Wohnen – und damit auch entsprechende Energiemengen für dessen Gewinnung, Transport und Verarbeitung. Für die Umnutzung eines Altbaus wird meist nur ein Drittel so viel Material benötigt wie für einen Neubau. Doch um das ökologische Potenzial des Bauens im Bestand wirklich zu nutzen, ist mehr erforderlich als nur Lippenbekenntnisse.1

    Der Um